Studie: Lesegewohnheiten von Kindern haben sich grundlegend verändert
Datum: 24. Juni 2013
Autor: Erwin König
Kategorien: Kurz notiert

Eine neue Studie des britischen National Literacy Trust hat die Lesegewohnheiten von knapp 35.000 Kindern im Alter von 8  bis 16 Jahren unter die Lupe genommen und dabei Erstaunliches herausgefunden. Laut den vorliegenden Resultaten lesen diese Jugendliche zum ersten Mal in der Geschichte mehr Inhalte über Computer und andere elektronische Bildschirme, als sie gedruckte Bücher, Zeitschriften, Zeitungen oder Comics lesen.

Nachfolgend die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung (Anmerkung: Die vollständige Studie soll in Kürze veröffentlicht werden):

  • 39% aller Kinder und Jugendlichen lesen täglich mittels Nutzung von elektronischen Geräten wie PC, Tablets oder E-­Reader. Gedruckte Publikationen werden dagegen nur mehr von 28% der Kinder und Jugendlichen täglich gelesen.
  • Die befragten Kinder haben mehrheitlich angegeben, dass sie lieber über Bildschirme lesen. 52% bevorzugen elektronische Endgeräte zum Lesen, während dies nur 32% für gedruckte Publikationen sagen.
  • Praktisch alle jugendlichen Umfrageteilnehmer haben heute Zugang zu einem Computer. 4 von 10 der Kinder oder Jugendlichen besitzen ein Tablet oder ein Smartphone, während 3 von 10 der Kinder und Jugendlichen keinen Schreibtisch zu Hause zur Verfügung haben.
  • Geschlechtsspezifisch zeigen sich bei den befragten Kindern und Jugendlichen gewisse Unterschiede. Mädchen tendieren noch deutlich öfter zu Print als die Jungen (68% gegen­ über 54%).
  • Untersucht wurden auch die Lesefähigkeit und die Freude der Kinder am Lesen. Die Studie lässt den Schluss zu, dass diejenigen, die täglich  nur digital über einen Bildschirm lesen, deutlich seltener zu den überdurchschnittlichen Lesern gehören, als dies bei den täglichen Print-­Lesern der Fall ist (15,5% digitale Leser gegenüber bei den 26% Print­-Lesern). Und vielleicht noch entscheidender: die Kinder, die nur digital lesen, genießen das Lesen dreimal weniger häufig als die reinen Print-­Leser (12% gegenüber 51%). Diese digitalen Leser haben auch seltener ein Lieblingsbuch (59% gegenüber 77%).

Die Studie weist deutlich nach, dass Technologie heute für Kinder und Jugendliche inzwischen eine zentrale Rolle beim Lernen und beim Lesen einnimmt. Als ein Alarmzeichen sollte aber auch gesehen werden, dass diejenigen Kinder und Jugendliche, die ausschließlich digital lesen, das Lesen signifikant weniger Freude bereitet, als den reinen Print-­Lesern.

Die Entwicklung in Deutschland bezüglich des Leseverhaltens mag aktuell noch stärker Print­bestimmt sein, aber es dürfte wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sich auch hierzulande ähnliche Resultate finden lassen. Die Entwicklung, wie sie in Großbritannien zu beobachten ist, d.h. hin zum bildschirmgestützten Lesen, hat sich gerade in der Nutzergruppe der 8 bis 16­-Jährigen in relativ kurzer Zeit abgespielt. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2011 des Natio­ nal Literacy Trust kommt noch zu deutlich anderen Ergebnissen.

Gerade im deutschsprachigen Raum sind viele Informationsspezialisten, Verlage und Buchhändler immer noch der Meinung, dass Print sich auch in den nächsten Jahrzehnten mehr oder weniger problemlos gegenüber der digitalen Konkurrenz wird halten können. Gerne werden in diesem Zusammenhang auch die mit einem gedruckten Buch verbundenen Sinnesempfindungen, wie Riechen oder Berühren, als entscheidende Vorteile gegenüber den "leblosen" digitalen Konkurrenten genannt. Ob dies langfristig ausreichend sein wird, steht auf einem anderen Blatt, und ob alle Leser dieses Empfinden ebenfalls in dieser Form teilen, auch. In der Presse sind in den letzten Wochen verschiedene Artikel erschienen, die nichts anderes als das Comeback der gedruckten Zeitung kommen sehen. In den Ergebnissen von unabhängigen Untersuchungen zu diesem Thema lässt sich eine solche Tendenz zum "Zurück­-zum-­Papier" aber nicht bestätigen. Von daher könnte es sehr gefährlich sein, sich darauf zu verlassen, dass in 20 Jahren der Anteil der verkauften gedruckten Bücher immer noch gleich oder sogar noch höher als heute ist.

Quelle:

National Literacy Trust (Hrsg.): “Children’s on-screen reading overtakes reading in print”; Pressemitteilung vom 16. Mai 2013, online abrufbar unter http://www.literacytrust.org.uk/ news/5372_children_s_on­screen_reading_overtakes_reading_in_print

Mehr zum Thema:

Chancen und Vorteile durch Smart Cities

Eine aktuelle Umfrage des deutschen Technologie-Verbands Bitkom1 zum Konzept der Smart Cities bietet auch für Bibliotheken wichtige Einblicke, wie sich die städtischen Räume in Deutschland in der Zukunft entwickeln und wie sie aussehen könnten. Allgemein verspricht...

Flut von Predatory Journals reißt nicht ab

Predatory Journals, d. h. unseriöse wissenschaftliche Zeitschriften, sind aus verschiedenen Gründen ein problematisches Phänomen. Solche Publikationen genügen nicht den üblichen wissenschaftlichen Standards, sie bringen keinen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und...

Das Internet Archive wird 25!

Dieses Jahr jährt sich der Geburtstag der ersten Website bereits zum 30. Mal. Am 6. August 1991 schaltete Tim Berners-Lee die erste Website (http://info.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html) für die Öffentlichkeit online. Damit wurde der Grundstein für das World Wide...