Buchrezensionen

Michael Knoche: Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft. Göttingen: Wallstein Verl., 2018. 136 S. ISBN 978-3-8353-3236-2 € 20.00

Dieses schmale, sehr kluge Büchlein handelt von der Zukunft der wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland. „Das sind die Bibliotheken, die für Forschung, Studium und die wissenschaftlich orientierte Öffentlichkeit geschaffen wurden, also die Staats-, Hochschul- und Spezialbibliotheken.“ (S. 9) Der Autor fordert eine neue beherzte und durch den Bund gelenkte und finanziell unterstützte Bibliothekspolitik. Seine Thesen: „Die Idee der Bibliotheken ist nach wie vor stark und notwendig“ und „Die Realisierung der Idee wird für die einzelne Bibliothek zur Quadratur des Kreises. Bibliotheken bleiben nur dann starke Akteure im Dienst von Wissenschaft und Öffentlichkeit, wenn sie in die Lage versetzt werden, viel arbeitsteiliger vorzugehen und vielmehr miteinander zu kooperieren, als dies in der Welt der gedruckten Literatur notwendig war.“ Ergo: „Bibliotheken funktionieren nur noch im System.“ (S. 10) Es ist das Fazit der Erfahrungen des früheren Direktors der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar Michael Knoche. Seine Ausführungen stehen im Kontrast zum weinseligen Gefasel vom Ende der Bibliotheken. Von Selbstzweifeln geplagt, stellen sogar einige aus der bibliothekarischen Zunft die Bibliothek als Institution in Frage. Der Autor analysiert messerscharf und notiert nachvollziehbare und realisierbare Vorschläge für ein System der deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken. Dazu gehört in erster Linie die Kooperation zwischen den Bibliotheken über die Bundesländergrenzen hinaus als eine gesamtstaatliche Aufgabe bei der Digitalisierung der Altbestände ebenso wie bei den traditionellen Aufgaben wie Sammeln, Bestandserhaltung und Aussonderung. Er beschäftigt sich u.a. mit einem Archivierungskonzept für die Buchbestände, der zentralen Speicherung elektronischer Ressourcen, den Tücken der elektronischen Publikationen, dem Open Access als Revolution des wissenschaftlichen Publizierens. Sein Fazit: „Die Merkmale des Internets sind Flüchtigkeit, Nicht-Hierarchie, Ubiquität und Vernetzbarkeit von allem und jedem. Die Merkmale von Bibliotheken sind Dauer, Ordnung, Kontext du Konzentration. Gepriesen sei die Zeit, die über beides verfügt und es kombinieren kann.“ (S. 121) Eine Pflichtlektüre für alle Bibliothekare und für die Entscheidungsträger von Bibliotheken aus Bund, Ländern und Kommunen, auch für die Förderer von Bibliotheken, denn Bibliotheken sind „neutrale, verlässliche und kostenfrei zugängliche Orte, an denen man sich über den Stand des Wissens anhand von ausgewählten Publikationen umfassend unterrichten kann.“ (S. 16)

Richard David Lankes: Erwarten Sie mehr. Verlangen Sie bessere Bibliotheken für eine komplexer gewordene Welt. Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen, 2017. 175 S. ISBN 978-3-945610-32-9 € 19.50

Das zuvor besprochene Buch Die Idee der Bibliothek und ihre Zukunft ist ein Plädoyer für die Entwicklung der wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland und wendet sich an die Bibliothekare und an die für die Bibliotheken verantwortlichen Trägerinstitutionen in Deutschland, Richard David Lankes Erwarten Sie mehr. Verlangen Sie bessere Bibliotheken für eine komplexer gewordene Welt wendet sich nur an die Trägerinstitutionen von Bibliotheken in den USA, um die Bibliotheken auf die Zukunft vorzubereiten. Lankes verwendet durchgängig den Begriff Community in einem sehr weiten Sinne, eine Community sei eine Gruppe von Menschen, „die sich zusammentun, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Communities bilden sich, wo Menschen zusammenleben, wo sie studieren und arbeiten (S. 17). Der Autor verfolgt das Ziel, die Potentiale von Bibliotheken aufzuzeigen, ihre Community oder auch die Gesellschaft allgemein zu verbessern. Er beschreibt Erwartungen, die die Entscheidungsträger an Bibliotheken haben sollten. Bibliotheken sind als Teil der Community „ein Zentrum des Lernens und der Innovation“ (S. 169), sie sind aktiv an der „Förderung des Wissens“ (S. 91) beteiligt, sie vermitteln Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten beim Recherchieren u.v.a., oft vorgetragen im Sinne eines Wanderpredigers mit zahlreichen Fallbeispielen, die aber schon wegen anderer Schul-, Hochschul-, Bibliotheks- und Infrastrukturen nicht auf Deutschland übertragbar sind. Als Anregungen sind die Vorschläge dennoch willkommen. In einem sind sich Knoche und Lankes einig: Es wird wesentlicher Veränderungen in den und um die Bibliotheken bedürfen, „in dieser neuen Sichtweise ist die Bibliothek weder ein Ort noch eine Büchersammlung, sondern eine Plattform für die Community zur Generierung und zum Austausch von Wissen.“ (S. 118)

Vom Sinn der Bibliotheken. Festschrift für Hans- Georg Nolte-Fischer / Hrsg. Irmgard Sieber, Dietmar Haubfleisch. Wiesbaden: Harrassowitz Verl., 2017. 280 S. ISBN 978-3-447-10886-7 € 68.00

Die Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt ist in den letzten vier Jahren mit Festschriften reich gesegnet. 2014 erscheint zur Eröffnung der Bibliotheksbauten ein Bild- und Textband Neue Mitte(n), im Jahr des 450jährigen Jubiläums 2017 sind es der Rückblick 450 Jahre Wissen – Sammeln – Vermitteln, der Ausstellungskatalog Bildwerke des Wissens und die hier anzuzeigende Festgabe Vom Sinn der Bibliotheken zum 65. Geburtstag des langjährigen Direktors Hans-Georg Nolte-Fischer. Im Mittelpunkt aller Veröffentlichungen stehen Themen zur Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Der Titel Vom Sinn der Bibliotheken nimmt Bezug auf einen Beitrag des Jubilars zur Einweihung des Neubaus 2014 und ist sinnstiftend für die Aufgaben der Bibliotheken im 21. Jahrhundert aus der Sicht und mit den Erfolgen der Darmstädter Bibliothek. Unter den 23 Beiträgen finden sich Aufsätze zur Situation in der Darmstädter Bibliothek nach dem Bezug der neuen Gebäude hinsichtlich der Etablierung neuer Dienstleistungen, Organisationsstrukturen und Arbeitsprozesse, zur Bautätigkeit in anderen Universitätsbibliotheken (auch zum Zusammenhang zwischen dem Bibliotheksbau und dem Aufbau eines einheitlichen Bibliothekssystems), zur Kooperation, Organisation und Transformation sowie zu Bibliotheken als Gedächtnisinstitutionen. Der Stil ist gegenüber anderen Festgaben erfreulicherweise recht locker. Beispiele: „Der Mensch lebt nicht vom Web allein“ (S. 203), das Problem der „Traditionsallergien“ (S. 187), „Das palliative Prinzip der Bauunterhaltung“ (S. 104) oder das wunderbare Bonmot des französischen Dramatikers André Roussin „Ein Intellektueller ist einer, der in eine Bibliothek geht, selbst wenn es nicht regnet.“ (S. 141) Eine anregende Festschrift.

Autorschaft und Bibliothek. Sammlungsstrategien und Schreibverfahren / Hrsg. Stefan Höppner et al. Göttingen: Wallstein Verl., 2018. 318 S. (Kulturen des Sammelns. Akteure – Objekte – Medien. 2) ISBN 978-3-8353-3233-1 € 34.90

Autorenbibliotheken bieten einen perfekten, aber bisher kaum genutzten Zugang zu Schriftstellern und ihrer Werke, es zeigen sich Arbeits-, Produktions- und Revisionsprozesse ebenso wie soziale Netze und literarische Allianzen. Das vom Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel durchgeführte Forschungsprojekt Autorenbibliotheken: Materialität – Wissensordnung – Performanz will dem abhelfen. Es fasst die persönliche Büchersammlung eines Autors als einen komplementären Ort zu seinem Werk auf und widmet sich in Analysen den Entstehungsbedingungen von Literatur und Wissenschaft von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Eine erste Publikation ist Autorenbibliotheken. Erschließung, Rekonstruktion, Wissensordnung. (Wiesbaden, 2015. Vgl. fachbuchjournal 9 (2017) 4, S. 60). Im November 2016 laden die Verantwortlichen dieses Projekts in das Goethe-Nationalmuseum ein, um am Standort von Goethes Privatbibliothek eine Tagung zum Thema Autorschaft und Bibliothek auszurichten. Die Ergebnisse werden mit diesem Band in 19 Beiträgen öffentlich zugänglich gemacht. Dem Rezensenten zeigen sich drei Schwerpunkte: 1. Überlegungen zum Sammeln und Schreiben von Büchern, zu literaturtheoretischen Perspektiven von Autorschaft und Bibliothek sowie Autorschaft zwischen Kontextualisierung und Kontextflucht. 2. Analysen zu mehreren Autorenbibliotheken wie frühneuzeitliche Autorinnenbibliotheken, Marginalien, Widmungen und andere sekundäre Eintragungen in Autorenbibliotheken sowie Versuche einer Rekonstruktion von Gelehrtenbibliotheken an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin, die zwischen 1832 und 1889 in den Bestand der Bibliothek gelangen (z.B. die Privat- und Arbeitsbibliothek von Jacob und Wilhelm Grimm und die juristische Bibliothek von Georg Puchta). 3. Analysen zu einzelnen Autorenbibliotheken wie Johann Gottfried Herders Bücherverzeichnis von 1776, Bettina von Arnims Nutzung der Familienbibliothek, dem Nachlass des Marcel-Duchamp-Übersetzers Serge Stauffer, der Bibliothek August Boeckhs und Buchgeschenken in Goethes Bibliothek. Hier soll noch auf das Schicksal der Bibliothek von Karl Wolfskehl hingewiesen werden, der Mitte der 1936 als jüdisch Verfolgter seine Bibliothek verkaufen muss, sie gelangt durch den jüdischen erwerbenden Verleger Salman Schocken nach Jerusalem, nach dessen Tod wird sie von den Erben an ein Hamburger Auktionshaus gegeben („die Bibliothek als zerstörter Gegenort“ S. 291) Die Gestaltung ist wunderbar (Umschlaggestaltung, Papier, gesetzt aus der Stempel Garamond und der Roboto), leider fehlt ein Personenregister. Ein sehr lesenwerter Band für einen großen Kreis von Interessenten wie Bibliothekare, Bibliophile, Archivare, Literaturwissenschaftler und Wissenschaftshistoriker. Er vermittelt neue Erkenntnisse über den Inhalt von Büchersammlungen, über deren Besitzer und deren gesellschaftliches Umfeld und die möglichen Netzwerke. Beide Bände sind Teil einer Hochkonjunktur von Veröffentlichungen über Nachlässe und Bibliotheken, die noch lange anhalten möge: Literaturwissenschaft und Bibliotheken. Göttingen, 2015 (ISBN 978-3-8471-0454-43), Die Werkstatt des Dichters. Imaginationsräume literarischer Produktion. Berlin, 2017 (ISBN 978-3-11-046493- 1), Archive für Literatur. Der Nachlass und seine Ordnungen. Berlin, 2018 (ISBN 978-3-11-059196-5).

Milan Bulaty: Arbeitstage. Erzählung. Berlin: Hentrich & Hentrich Verl., 2017. 148 S. ISBN 978-3-95565- 218-0 € 17.90

Milan Bulaty erzählt aus der Ich-Perspektive eines tschechischen Emigranten mit jüdischen Wurzeln vom Alltag in Berlin. Geboren 1946 in Prag und dort aufgewachsen, emigriert er 1970, nach dem Studium der Philosophie wird er Mitarbeiter der Amerika-Gedenkbibliothek in West-Berlin, nach der Wende zum Direktor der Bibliothek der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und Gründungsdirektor des Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrum Berlin berufen. „Ich“ fährt von der Güntzelstraße über die Haltestellen Spichernstraße, Kurfürstendamm, Zoologischer Garten, Tiergarten, Bellevue und Hauptbahnhof zu seinem Arbeitsplatz in der Nähe der Friedrichstraße – das sind auch die Kapitelüberschriften – und kehrt auf derselben Route in umgekehrter Reihenfolge abends zurück. Das ist der Rahmen für die Struktur eines Arbeitstages und der Auslöser und Impulsgeber für ein Geflecht aus Autobiographie und Fiktion: Überleben und Weiterleben, Flucht und Emigration. Gegenwart und Vergangenheit wechseln sich ab, und das alles im fest strukturierten Tagesablauf. Ein Bericht in präziser Sprache, in kurzen prägnanten Sätzen, eigentlich eine Emigrationsgeschichte. In unserem Zusammenhang ist das Wirken Bulatys als Direktor der zentralen Bibliothek der Humboldt-Universität nach der Wende von Interesse. Es sind wunderbare Schilderungen über die Alltagswirklichkeit eines Bibliotheksdirektors im vereinigten Berlin, beginnend mit Eindrücken vom Verhalten der Mitarbeiter in Ost-Berlin bis hin zum Bibliotheksbau („Meine größte Freude war der Neubau der Bibliothek“ S. 88). Dieser Neubau gehört dank Bulatys Engagement zu den herausragenden Bibliotheksbauten („Ich freue mich noch immer, wenn ich das Haus betrete.“ S. 89) Dokumentiert wird dies in einem großartigen Text-Bild-Band, der 2010 vom Deutschen Architekturmuseum und der Frankfurter Buchmesse den DAM Architectural Book Award erhält (Bibliothek. Texte u.a. von Milan Bulaty, Max Dudler, Martin Mosebach und Peter von Matt. ISBN 978-3-8270- 0978-4) – die Texte, ein reines Lesevergnügen für alle Bücher- und Literaturfreunde, die Fotografien alle gelungen. Der beeindruckende Bau hat national und international sowohl bei den Architekten und Bibliothekaren als auch bei den Bibliotheksbenutzern großen Anklang gefunden. Er ist ein großes Verdienst von Milan Bulaty, dessen Arbeitstage eine willkommene Hintergrundinformation eines bewegten und bewegenden Lebens sind.

Helga Schwarz: Das Deutsche Bibliotheksinstitut. Im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischen Interessen. Berlin: Simon Verl. für Bibliothekswissen, 2018. 522 S. ISBN 978-3-945610-37-4 € 23.80

Das Deutsche Bibliotheksinstitut (DBI) ist eine 1978 gegründete, gemeinsam vom Bund und den Ländern finanzierte Dienstleistungseinrichtung mit Sitz in Berlin. 20 Jahre später beschließen Bund und Länder, die gemeinsame Finanzierung zu beenden. Eine Nachfolgeeinrichtung kommt nicht zustande. Die 80jährige Helga Schwarz, die als ehemalige Mitarbeiterin über genaue Kenntnisse aus allen Bereichen des DBI verfügt, beschreibt in ihrer Dissertation aus dem Jahr 2017 minutiös die Vorgänge vom vorehelichen Verhalten, von der Zeugung und von den vielen Müttern und Vätern auf den verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Ebenen über die Mühen der Ebene mit den zugewiesenen Aufgaben mit Erfolgen und Misserfolgen bis hin zum irreversiblen Sterbeprozess und gewaltsamen Tod. Die Trauer hält sich bis heute offensichtlich in Grenzen. Es ist die Geschichte einer Institution, die trotz mancher Erfolge und machbarer Zukunft zwischen den Interessen von zentraler und Landespolitik, von Regionalisierung und Zentralisierung von Märkten und von unterschiedlichen Interessen der Bibliotheken zerrieben wird. Skeptiker beschreiben sie schon immer als kompliziert. Überwiegende Grundlage sind die zahlreich vorhandenen Quellen wie Gesetze, Protokolle, Gutachten, Empfehlungen und Beschlussvorlagen sowie viele Interviews mit Zeitzeugen; auf Veröffentlichungen kann Schwarz nicht zurückgreifen, denn die gibt es kaum. „Es war spannend und oft entlarvend, wie Interessen verfolgt und durchgesetzt wurden – oder manchmal auch nicht. Ich hoffe, der Leser folgt mir durch das Dickicht der Ereignisse bis zur Erhellung der Zusammenhänge.“ (S. 15) In dem Dickicht der Quellen, insbesondere solchen bürokratischen Inhalts, ist der Rezensent auch ab und an ermüdet hängen geblieben. Am meisten aber stört ihn, dass die Zahlen im Personenregister nie auf die genannten Seiten führen, sondern an ganz andere Stellen; das muss nicht sein, passt aber auch irgendwie zur Geschichte des DBI. Diese spannende, detailreiche Untersuchung schließt eine Lücke in der Bibliotheksforschung.

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