Jugendstudie: eine Generation im (Online-)Stress

Ausgabe 9-2016

Bereits zum siebten Mal hat die Schweizer Großbank Credit Suisse ihr Jugendbarometer veröffentlicht. Mit diesem Bericht sollen die aktuellen Einstellungen und Lebensumstände von jungen Leuten in vier Ländern (Schweiz, USA, Brasilien und Singapur) identifiziert werden. Die vorliegenden Resultate zeigen eine Generation, die Schwierigkeiten hat, all die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zielführend zu nutzen, da sie irgendwie auch alles im Leben haben wollen. Die CS spricht daher auch von der Generation Stress. Gerade die vielfältigen Möglichkeiten des Internets scheinen teilweise mehr Belastung als Hilfsmittel zu sein. Gleichwohl, oder gerade deswegen, sind soziale Medien und Co. für diese junge Generation ein Teil ihres alltäglichen Lebens und praktisch unverzichtbar geworden. Die Altersgruppe der 16- bis 25-Jährigen ist heute fast pausenlos online und kommuniziert auch vorwiegend online. Der vorliegende Bericht liefert insgesamt ein detailliertes Abbild der Jugendlichen in der Ära der sozialen Medien.



Bereits zum siebten Mal hat die Schweizer Großbank Credit Suisse ihr Jugendbarometer veröffentlicht. Mit diesem Bericht sollen die aktuellen Einstellungen und Lebensumstände von jungen Leuten in vier Ländern (Schweiz, USA, Brasilien und Singapur) identifiziert werden. Die vorliegenden Resultate zeigen eine Generation, die Schwierigkeiten hat, all die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zielführend zu nutzen, da sie […]

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Für diese Online-Untersuchung wurden in den vier Untersuchungsländern im Zeitraum von April bis Juni 2016 jeweils ca. 1.000 Jugendliche im Alter von 16-25 Jahre befragt. Im Mittelpunkt des Interesses dieser Studie stehen u.a. das Kommunikationsverhalten, Lebenseinstellungen, Beruf, Wünsche und aktuelle Trends für die Jugendlichen in diesen Ländern. Zusätzlich wurde ein aktuelles Thema aufgegriffen und untersucht, nämlich der Einfluss der sozialen Medien auf die politische Meinungsbildung, insbesondere in Form des digitalen Populismus.

Folgende interessante Aussagen finden sich in dem Jugendbarometer 2016:

  • In allen vier Ländern sind dieses Jahr schon Wahlen durchgeführt worden, bzw. werden in Kürze durchgeführt. Ein gemeinsames Kennzeichen, das sich dabei überall findet, ist die zunehmende Tendenz bei den jungen Leuten politische und gesellschaftliche Nachrichten über das Internet und soziale Medien zu konsumieren und zu verbreiten. Nicht überraschend ist daher, dass eine Mehrheit der Jugendlichen in allen vier Ländern es positiv betrachtet, dass man heute die Möglichkeit hat, Diskussionen zu politischen Themen online zu führen. Besonders hoch ist der Anteil in Brasilien von Jugendlichen, die es als vorteilhaft sehen politische Kommentare oder Posts online absetzen zu können (50 % sehen es eher als ein Vorteil und 32 % sogar als einen großen Vorteil).

  • Mit der Ausnahme der Schweiz sind die Jugendlichen mehrheitlich auch der Meinung, dass soziale Medien und Online-Diskussionen die Politik auch spannender und für sie interessanter gestalten. Soziale Netzwerke haben in diesem Sinn für die Jugendlichen sogar das Interesse an Politik erhöht und sie motiviert, selber politisch aktiv zu werden. Sie sind weiterhin der Ansicht, dass es dank dieser politischen Diskussionen im Internet für Politiker, Organisationen und Unternehmen leichter ist, sich ein Meinungsbild über die Gesellschaft und die Interessen der Menschen zu verschaffen.

  • Gleichzeitig sind sich die jungen Leute mehrheitlich der Nachteile durch die Nutzung von sozialen Plattformen und des Internets zum politischen Meinungsaustausch bewusst. Dazu zählen auch die Gefahren durch die absichtliche Beeinflussung von politischen Gruppen über Facebook und anderen Online-Kommunikationskanälen. Auch die vorsätzlichen Provokationen durch sogenannte Internet-Trolle sind für mehr als drei Viertel der jungen User schon lange Alltag.

  • Wichtige Jugendthemen sind in den USA die Arbeitslosigkeit, der Terrorismus und Gesundheitsfragen. In Brasilien beschäftigt man sich besonders häufig mit den Themen Korruption, Arbeitslosigkeit und Inflation. In Singapur sind die größten Probleme der Jugendlichen Terrorismus, Inflation und Gesundheitsfragen. Die Schweizer Jugendlichen nennen Flüchtlinge/Asyl, AusländerInnen/Zuwanderung sowie Rente/Altersvorsorge als die Themen, die sie heute am meisten beschäftigen. Arbeitslosigkeit ist ein gemeinsames Thema, das in allen vier Ländern zumindest unter den TOP 5-Themen aufscheint.

  • Gleichzeitig ist weiterhin eine Mehrheit der Jugendlichen eher optimistisch für die Zukunft eingestellt. Seit 2010 geht diese Lebenszuversicht allerdings graduell zurück.

  • Offline spielt für immer weniger Jugendliche in ihrem Leben eine Rolle. In der Schweiz finden es gerade ein Viertel der befragten Jugendlichen als "in" gelegentlich mal offline zu sein. In den USA, Brasilien und Singapur sind es sogar weniger als 20 %. Das hört sich dramatischer an, als es vielleicht auf den ersten Blick ist. Die Studienersteller verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass die jungen Leute, die alle nach 1991 geboren sind, grundsätzlich eine Welt ohne Internet gar nicht mehr kennen. Von daher gibt es für diese Altersgruppe keine eindeutige Trennung mehr zwischen analog und digital, bzw. offline und online. Ein gutes aktuelles Beispiel für diese Verschmelzung von realer und virtueller Welt ist das weltweit sehr beliebte Spiel Pokémon Go.

  • Obwohl es in der Online-Welt kaum mehr so etwas wie Grenzen gibt, zeigen sich bei der Wahl der Kommunikationskanäle und -Tools deutliche länderspezifische Unterschiede. Gleich wie in Deutschland verliert die SMS fortlaufend auch in der Schweiz und Brasilien an Bedeutung. In den USA und in Singapur verzeichnet die SMS dagegen steigende Nutzungszahlen, wobei in Singapur der Nutzungsanteil mit 43 % gegenüber WhatsApp und anderen Chat-Diensten mit 78 % schon relativ gering ist. In den USA ist die SMS weiterhin die am häufigsten genutzte Kommunikationsmöglichkeit mit 79 %, während der in Europa überaus beliebte WhatsApp-Dienst dortzulande nur eine untergeordnete Rolle spielt. Dass sich WhatsApp in den USA nicht durchsetzen konnte, liegt an der schon immer kostenfreien Nutzungsmöglichkeit der SMS in den USA.

  • Facebook ist für diese junge Generation längst nicht mehr "nur" ein soziales Netzwerk. Vielmehr übernimmt diese Plattform viele Funktionen im Leben dieser User. So wird heute der Facebook Messenger als Kommunikationsmittel genutzt, während man Facebook-Plattform vermehrt zum Nachrichtenkonsum einsetzt. Bekanntermaßen gehört auch WhatsApp inzwischen zum Facebook-Konzern, womit man auch diese Nutzung zur "Facebook-Zeit" dazuschlagen muss.

  • Obwohl schon 47 % der Jugendlichen in der Schweiz Facebook als Nachrichtenkanal (2010 lag dieser Anteil bei 35 %) nutzen, ist das Vertrauen in dieses Medium mit 14 % relativ gering. Das Fernsehen hat bei der jungen Generation im Zeitraum von 2010 (Nutzungsanteil von 75 %) bis 2016 (62 %) zwar als Nachrichtenquelle deutlich an Reichweite verloren, aber das Vertrauen in das staatliche Schweizer Fernsehen ist mit 88 % weiterhin sehr groß.

  • Markentreue spielt bei der Nutzung von sozialen Netzwerken oder bestimmter Technologien für die jungen Internetnutzer allerdings nur eine sehr untergeordnete Rolle. So hat das erst vor fünf Jahren gegründete Unternehmen Snapchat fast schon explosionsartig in dieser Altersgruppe an Beliebtheit gewonnen. Neben der einfacheren Möglichkeit, Fotos und Videos mit anderen zu teilen, bietet dieser Dienst auch einen besseren Schutz der Privatsphäre an als vergleichsweise etwa Facebook. So bietet Snapchat seinen Usern die Möglichkeit an, ein verschicktes Foto nach wenigen Sekunden wieder zu löschen. In der Schweiz nutzen bereits 52 % der 16- bis 25-Jährigen dieses Netzwerk.

  • Mobbing ist und bleibt gerade auf Facebook ein nicht unerhebliches Problem. 39 % der Jugendlichen in der Schweiz und 40 % den USA sind schon einmal auf Facebook belästigt oder gemobbt worden.

  • Angestrebt werden von den Jugendlichen in den untersuchten Ländern folgende Lebensziele: die eigenen Träume verfolgen (82 %), eine Work-Life-Balance erreichen (81 %), eigenes Wohneigentum erwerben (Haus oder Eigentumswohnung) (79 %), den eigene Talenten nachgehen (72 %), Selbstverwirklichung, d.h. viele Dinge ausprobieren und entdecken (72 %), Karriere im Beruf machen (79 %), eine Familie mit Kindern haben (65 %) sowie viele andere Länder und Kulturen kennenlernen (59 %). Kurz gesagt wollen die jungen Leute von heute alles unter einem Hut bringen, d.h. Karriere, Familie, Freizeit und Selbstverwirklichung. Dass aus dieser übertriebenen Erwartungs- und Anspruchshaltung ein gewisser (selbstaufgelegter) Druck entsteht, überrascht somit nicht unbedingt.

  • Der mit Abstand beliebteste Arbeitgeber ist für die Schweizer Jugendlichen der Suchmaschinenbetreiber Google, vor der SBB (den Schweizerischen Bundesbahnen) und dem Chemieunternehmen Novartis.

  • Mit dem Smartphone im Netz zu surfen nimmt für einen Großteil der Umfrageteilnehmer in den vier Ländern schon einen großen zeitlichen Rahmen ein. Durchschnittlich verbringt ca. die Hälfte der 16-25-Jährigen mehr als 2 Stunden an einem gewöhnlichen Wochentag aus privaten Gründen im mobilen Netz. In Brasilien sind es dabei 69 %, in den USA 58 %, in Singapur 52 % und in der Schweiz 46 %, die mehr als 2 Stunden täglich mobil online unterwegs sind.

  • In Interviews werden noch zusätzlich verschiedene Fachleute und Politiker zu den Studienresultaten befragt. Die Soziologin Sherry Turkle sieht in diesem Zusammenhang z.B. die zunehmende Vernetzung unserer Welt kritisch, besonders für Jugendliche. In den USA fühlen sich die 16- bis 25-Jährigen mit ihren digitalen Freunden und Communities inzwischen emotional stärker verbunden, als etwa allgemein mit der amerikanischen Gesellschaft. Eine schwerwiegende Fehlentwicklung stellt die Vorstellung von vielen jungen Usern dar, dass ein (digitaler) Kontakt über soziale Medien gleichwertig mit einer persönlichen Begegnung von Angesicht zu Angesicht ist. Ein weiterer negativer Effekt durch die Digitalisierung unserer Gesellschaft ist das andauernde Online sein. Gerade junge Leute haben Schwierigkeiten, ihr Smartphone einmal auszuschalten. Dadurch kommt es zu einer Art "Aufmerksamkeitsverwirrung", d.h. wir teilen ständig unsere Aufmerksamkeit mit persönlich anwesenden Personen und denen, die wir über ein Handy erreichen können. Weiter beklagt Turkle die wachsende Unfähigkeit unserer Gesellschaft, allein zu sein, d.h. wir können nicht mehr auf die Verbindung zur digitalen Welt verzichten. Dies führt gleichzeitig dazu, dass wir ständig durch das Mobiltelefon bei der Arbeit, in der Freizeit oder beim Lernen unterbrochen werden. Gerade die Fähigkeit, auch einmal allein mit sich selber zu sein, ist aber Voraussetzung, um sich selber reflektieren zu können.

Der hier vorgestellte Trendbericht ist nicht nur für die untersuchten vier Länder relevant, sondern in großen Teilen allgemein für andere Industrieländer. Bezüglich der vier hier untersuchten Länder bestehen nämlich große Übereinstimmungen für viele aktuelle Trends, die es so auch in anderen Ländern geben dürfte. Gleichwohl hat jedes Land natürlich gewisse spezifische Eigenheiten, die auch in den Studienresultaten sichtbar geworden sind. Beachtenswert sind besonders die Aussagen der Soziologin Sherry Turkle. Sie selbst hat sich von einer ehemals Technologie-Begeisterten zu einer scharfen Kritikerin unseres permanenten Umgangs mit digitalen Technologien entwickelt. Sie spricht sich für eine selbstkritischere Nutzung von Technologie aus und für eine gewisse Rückbesinnung auf die analoge Welt. Dies bedeutet nicht die generelle Ablehnung von allem Digitalen. Aber man sollte sich bewusst sein, dass neben der virtuellen Welt noch eine reale existiert. Und nicht jede neue Technologie, wird von jedem auch wirklich benötigt. Statt mehr Freiheit hat die Digitalisierung bisher eher einen gegenteiligen Effekt ausgelöst. Wir sind so abhängig von unseren digitalen Geräten geworden, dass wir nicht mehr ohne sie leben können und wollen.

Was in diesem Bericht etwas zu kurz kommt, ist die Frage der Medien- und Informationskompetenz der Jugendlichen. Hier gilt es einige Fragezeichen zu setzen. Auf der einen Seite ist sehr vielen jungen Usern klar, dass die sozialen Medien voll sind mit Manipulationen und Falschmeldungen. Auf der anderen Seite hat es wohl noch nie mehr Verschwörungstheorien als heute gegeben, deren Ursprünge größtenteils alle in den sozialen Netzwerken liegen. Es ist eines, sich einer Gefahr bewusst zu sein. Es ist aber etwas anderes, diese Gefahr auch zu sehen und zu erkennen, sowie auch die richtige Reaktion zu zeigen. An dieser Informationserkenntnis mangelt es nicht nur jungen Usern, sondern allgemein den meisten Menschen. Viele Politiker fordern heute, dass Programmieren zu einem Pflichtfach an den Schulen wird. Wir benötigen aber in der Tat mehr Informations- und Medienkompetenzunterricht in Schulen und an den Universitäten. Wer programmieren kann, versteht nicht notwendigerweise den Unterschied zwischen einer relevanten und einer unwichtigen Information, oder kann einen wahren Fakt nicht von einer falschen Information abgrenzen. Und ob Jugendliche tatsächlich durch soziale Medien zu mehr politischer Verantwortung und Beteiligung animiert werden, wie es die jungen User selber sowie auch die in diesem Bericht befragten Politiker glauben, muss sich erst noch erweisen. An einer effektiv höheren Wahlbeteiligung von jungen Menschen lässt sich das bisher jedenfalls nicht ablesen.

Ein weiterer Problembereich ist die Zunahme von Mobbing und Hassreden in den sozialen Netzwerken. Die Betreiber dieser Plattformen sehen sich selbst meist nicht in der Verantwortung und würden es auch gerne sehen, wenn sich der Staat nicht einmischen würde. Die schnell ansteigende Anzahl der Vorfälle und Missbräuche lässt den Schluss zu, dass sich dieses Problem nicht von allein in Luft auflösen wird. Möglicherweise haben aber viele Chefs dieser Dienste einfach zu lange in Harvard und anderen Denkschmieden studiert, wo ihnen die Ideologie des freien Marktes eingeimpft worden ist, der schon alles regeln wird. Wesentlich erfolgsversprechender wäre es, wenn die sozialen Medien endlich ihre Verantwortung akzeptieren und selbst für die Lösung dieses Problems sorgen würden. Technisch gibt es durchaus zahlreiche Möglichkeiten, diesem Wildwuchs Herr zu werden. Gerade neue Netzwerke wie Snapchat zeigen dies.

Quelle:https://www.credit-suisse.com/jugendbarometer bzw. https://www.credit-suisse.com/ch/de/about-us/responsibility/dialogue/youth-barometer/download-center.html (Downloadseite für die diversen Berichte zur Jugendstudie 2016)

Schlagwörter: Digitaler Wandel, Internetnutzung, Jugendstudie, Nutzungsverhalten, soziale Medien

Bereits zum siebten Mal hat die Schweizer Großbank Credit Suisse ihr Jugendbarometer veröffentlicht. Mit diesem Bericht sollen die aktuellen Einstellungen und Lebensumstände von jungen Leuten in vier Ländern (Schweiz, USA, Brasilien und Singapur) identifiziert werden. Die vorliegenden Resultate zeigen eine Generation, die Schwierigkeiten hat, all die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zielführend zu nutzen, da sie […]

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