EU-Studie: Illegale Downloads sind positiv für die Film- und Musikbranche

Ausgabe 03/2013

Eine neue Studie der EU-Kommission – durchgeführt vom Joint Research Centre, dem Wissenschaftsdienst der Europäischen Kommission – hat, wie einige andere Untersuchungen zu diesem Thema zuvor, erhebliche Zweifel an der von Film- und Musikindustrie seit Jahren verbreiteten Theorie aufgeworfen, dass die illegalen Downloads von Filmen und Musik hauptsächlich für ihre Umsatzeinbussen verantwortlich seien.  Im Gegenteil, es scheint eher so zu sein, dass illegale Downloads mittels Filesharing oder Streaming leicht positive Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Nutzer haben. Insgesamt wurde für diese Studie das Userverhalten von mehr als 16.000 Internetnutzern in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien untersucht. Das Datenmaterial stammt von Nielsen NetView, das die Internetstatistiken für das bekannte Marktforschungsunternehmen Nielsen sammelt.

Folgende interessante Erkenntnisse hat diese Untersuchung hervorgebracht:

  • Steigen die Klickzahlen auf illegalen Download-Websites um 10%, so hat dies ein leicht positiven Einfluss auf die Verkaufszahlen (0,2% Zunahmen) von legalen Musikanbieter-Websites.
  • Bei den Streaming-Angeboten ist dieser positive Effekt noch etwas größer. Steigen auf illegalen Streaming-Seiten die Klickraten um 10%, steigen die Verkaufszahlen auf legalen Streaming-Portalen um 0,7%.
  • Die Studie weist auch relativ große länderspezifische Unterschiede bei den illegalen Downloads nach.
  • Zwischen Downloads und Streaming zeigen sich auffällige Unterschiede. Streaming ist aktuell vor allem bei sehr jungen Leuten beliebt, während bei den Downloads eher ein umgekehrtes Nutzungsmuster bezogen auf das Alter feststellbar ist.
  • Die Autoren dieser Studie verweisen auch darauf, dass die Musikbranche gerade bei den Umsätzen für digitale Musik seit 2004 erheblich steigende Einnahmen verzeichnet. Im Zeitraum von 2004 bis 2010 haben die Umsätze für digitale Musik um gesamthaft mehr als 1.000%(!) zugelegt. Für 2011 wird mit einem weltweiten Wachstum bei den digitalen Musikverkäufen von 8% gerechnet, auf nun 5,2 Mrd. US$.

Die von der EU-Kommission präsentierten Resultate zeigen zum wiederholten Male nun auf, dass das Problem des illegalen Kopierens im Internet nicht auf die einfache Formel  "Maximaler Branchenumsatz = alle legalen Käufe + Anzahl illegaler Downloads" reduziert werden kann. Gerade im Zusammenhang mit den geplanten Verschärfungen des Urheberrechts werfen diese Untersuchungen immer mehr Fragezeichen auf. Besonders die steigenden Absatzzahlen bei digitaler Musik widersprechen eigentlich dem Problem der Online-Piraterie. Vielleicht sollte endlich einmal untersucht werden, ob es nicht andere Einflussfaktoren auf die Umsätze in der Musikbranche gibt als nur illegale Downloads.

Hier ist an erster Stelle zu fragen, ob Musik in den letzten Jahrzehnten nicht vielleicht allgemein an Bedeutung für die Gesellschaft verloren hat, z.B. durch fehlende Kreativität der Musiker? Es ist auch nicht auszuschließen, dass das heute wesentlich größere Angebot an anderen Medien zu einem gewissen Interessensverlust auf Seiten der Konsumenten geführt hat. Oder anders ausgedrückt: wir haben heute eine wesentlich größere Auswahl zur Verfügung, um unsere Freizeit zu gestalten als vor 20 oder 30 Jahren. Allgemein fällt aber auch wieder auf, wie schwer sich klassische, in den Analogzeiten entstandene Branchen mit den Herausforderungen durch die Online-Welt und die damit einhergehende Digitalisierung tun. Es scheint einfacher zu sein, immer mit dem Finger auf andere zu zeigen, als die eigentlichen Probleme anzugehen. Vielleicht sollte man auch einfach akzeptieren, dass die Zeiten von drei Fernsehkanälen vorbei sind, und die Nutzungszahlen natürlicherweise auch einmal nach unten zeigen können.

Quelle:

Aguiar, Luis; Martens, Bertin, Institute for Prospective Technological Studies (Hrsg.): "Digital Music Consumption on the Internet: Evidence from Clickstream Data"; JRC Technical Reports, Digital Economy Working Paper 2013/04, online abrufbar unter http://ftp.jrc.es/EURdoc/JRC79605.pdf  

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