Untersuchung zur Nichtnutzung von Bibliotheken

Ausgabe 4/2012

check($_SERVER['REMOTE_ADDR'])){ ?>In einer Studie hat der Deutsche Bibliotheksverband e.V. sich der interessanten Frage angenommen, wieso manche Menschen Bibliotheken nicht nutzen bzw. nicht mehr weiter benutzen wollen. Nicht nur in Zeiten knapper Kassen ist es sicher keine schlechte Idee, mal den gegenteiligen Argumentationsweg einzuschlagen, und die "negative" Bibliotheksbenutzung genauer zu untersuchen. Der Deutsche Bibliotheksverband hat dabei in Zusammenarbeit mit dem Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen mittels einer Telefon-befragung versucht, die Ursachen für diese Nichtnutzung von deutschen Bibliotheken zu identifizieren. Zu diesem Zweck wurden 1.301 Personen zwischen 14 und 75 Jahren in einer repräsentativen Telefonumfrage durch das Feldinstitut IFAK im Zeitraum von Oktober bis November 2011 befragt. Im Mittelpunkt der Studie stehen dabei im Besonderen die ehemaligen Nutzer sowie die prinzipiellen Nichtnutzer von öffentlichen Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien.  

Nachfolgend ein Auszug aus den gefundenen Resultaten:

  • Seit 1996 hat sich das Verhältnis zwischen Nutzern und Nichtnutzern von öffentlichenBibliotheken in der deutschen Bevölkerung kaum verändert. So hat 1996 das Markt- und Meinungsforschungsunternehmen Infas 30% aktive Bibliotheksbenutzer und 70% Nichtuser eruiert. 2004  ergab sich ein Verhältnis von 29% zu 71% (wiederum erhoben durch Infas). 2008  bei 19% zu 81% und 2012 ein Verhältnis von 29% zu 71% (jeweils durch die Stiftung Lesen erhoben).
  • 37% der befragten Teilnehmer waren in den letzten 12 Monaten wenigstens einmal in einer öffentlichen oder wissenschaftlichen Bibliothek. 2% haben keine Angaben gemacht und 61% haben keine Bibliothek im letzten Jahr aufgesucht.
  • Die 37% aktiven Bibliotheksbenutzer haben im einzelnen folgende Bibliothekstypen besucht: Öffentliche Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien 29%, öffentliche Schulbibliotheken 13%, Unternehmensbibliotheken oder Bibliothek am Arbeitsplatz 12%, Spezialbibliotheken 10% und öffentliche Universitätsbibliotheken 8%. Wie zu erwarten, gibt es unter den aktiven Usern auch solche, die mehrere Bibliothekstypen besucht haben.
  • Bei den öffentlichen Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien gibt es, wie weiter oben bereits erwähnt, 29% aktive Nutzer. 41% der Antwortenden werden als ehemalige Nutzer eingestuft, da sie in den letzten 12 Monaten keine öffentliche  Bibliothek mehr besucht haben. Bei den Nichtnutzern, die noch nie in einer öffentlichen Bibliothek waren, beträgt der Anteil 28%.
  • Von diesen aktiven Nutzern kann man wiederum 28% als regelmäßige Besucher bezeichnen, die mindestens ein- bis zweimal im Monat diese Informationseinrichtungen aufsuchen. Auf die gesamte Bevölkerung Deutschlands umgerechnet entspricht dies einem Anteil von 8%, d.h. ungefähr jeder 12. deutsche Bürger ist ein regelmäßiger Bibliotheksnutzer. Die Nutzungshäufigkeit dieser aktiven User verteilt sich auf 1% einmal die Woche, 7% ein- bis zweimal im Monat, 9% ein- bis zweimal im Vierteljahr und 12% seltener.

Nun zu dem eigentlichen Studienthema, die Gründe für eine Nichtnutzung zu identifizieren:

  • An erster Stelle stehen hier sowohl für die prinzipiellen Nichtnutzer als auch für die früheren Nutzer persönliche Gründe. Dazu zählen der bevorzugte Selbsterwerb von Medien, fehlende Zeit für einen Besuch, die ungünstigen Öffnungszeiten, die wenig ansprechenden Räumlichkeiten, mangelndes Interesse an den von der Bibliothek angebotenen Veranstaltungen sowie die flexiblere und schnellere Informationsbeschaffung über das Internet.
  • Erfreulich ist bei den Nichtnutzungsgründen, dass schlechte Erfahrungen mit Bibliotheksmitarbeitern nur für wenige Benutzer einen Grund für einen Verzicht auf weitere Besuche darstellen. Ebenfalls kaum Einfluss auf die Nichtnutzung haben Gründe, wie die Bibliotheksgebühren, das Sammlungsangebot sowie fehlendes Wissen auf Seiten des Bibliothekspersonals.

Solche Studien durch die einschlägigen Berufsverbände aus dem Bibliotheks- und Informationswesens sind sehr zu begrüßen. In Deutschland findet man solche Publikationen leider viel zu selten. Hier könnte man sich an anderen Berufsverbänden, wie z.B. dem BITKOM orientieren, der einen schon fast mit Untersuchungen "überschwemmt". Leider bleibt die vorliegende Befragung aber in vielen Punkten und Themen zu wenig zielgerichtet und ungenau. Auch die Abgrenzung was öffentliche Bibliotheken sind, scheint bei einigen Fragen etwas willkürlich und verwirrend gewählt zu sein. Die den Teilnehmern gestellten Fragen sind zudem auch nicht über alle Zweifel erhaben, wie z.B. "Wenn man an Stadtbibliotheken … denkt, kommen einem ja ganz unterschiedliche Dinge in den Sinn. … Ich lese Ihnen einige Gegensatzpaare vor, wie z.B. 'hell - dunkel'… ". Hier erschließt sich einem nicht ganz der Sinn, was dies mit den Ursachen für die Nichtnutzung oder Nutzung zu tun haben soll. Trotz dieser teilweise unbefriedigenden Untersuchungs-methodik gibt es einige interessante Erkenntnisse aus dieser Studie festzuhalten. Positiv zu vermerken ist, dass Bibliotheken nicht zu der in Deutschland oft anzutreffenden und gefürchteten Dienstleistungswüste gehören. An den Bibliotheksmitarbeitern liegt es jedenfalls in den seltensten Fällen, wenn ein Benutzer nicht mehr kommen will. Auch eventuelle Nutzungsgebühren, das vorhandene Informationsangebot oder ein möglicherweise veraltetes Image der Bibliotheken in den Köpfen der Nichtnutzer sind nicht die Hauptursachen.

Diskussionswürdig sind sicher auch die aus dieser Studie gezogenen Schlüsse. Um neue Bevölkerungsgruppen anzusprechen und/oder ehemalige Nutzer wieder zurück zu gewinnen, werden z.B. längere Öffnungszeiten vor allem in den Abendstunden sowie auch Sonntagsöffnungen empfohlen. Das ist sicher eine Überlegung wert, dürfte aber an vielen Orten mit Bibliotheken, die im Ehrenamt geführt werden, an den dafür benötigten Mitarbeitern scheitern.

Die 2. wichtige Empfehlung der Studienersteller lautet, die Eltern zu motivieren, damit diese mit ihren Kindern möglichst oft Bibliotheken besuchen. Die Studie hat nämlich eine Korrelation zwischen Bibliotheksbesuchen im frühen Kindesalter und der späteren aktiven Nutzung von Bibliotheken als Erwachsene nachgewiesen. Ob solch ein direkter Zusammenhang in der Realität wirklich besteht, müsste man aber erst in weiteren Untersuchungen konkret überprüfen. Hier wird ein vermuteter Einflussfaktor - das Alter beim ersten Bibliotheksbesuch - als Ursache für die Nichtnutzung herausgegriffen. Diese Variable muss aber gar nicht in einem ursächlichen Bezug zur späteren Nutzungshäufigkeit stehen. Sie kann durch andere Faktoren wie das Einkommen, das Bildungsniveau oder die Erreichbarkeit einer Bibliothek entstanden sein, die u.U. verhindern, dass bestimmte soziale Gruppen die Bibliotheken in frühen Jahren besuchen konnten. Somit müsste man diese Faktoren beeinflussen, was aber wahrscheinlich eher die Aufgabe der Politik ist. Damit wäre die angenommene Korrelation zwischen Besuch einer Bibliothek in der Kindheit und späterer Bibliotheksnutzung eigentlich nur eine Pseudo-Korrelation, wie bei dem bekannten Beispiel aus der Statistik, wo ein vermeintlicher Zusammenhang zwischen der Anzahl der Störche und der Anzahl der Geburten von Kindern statistisch "nachgewiesen" werden kann.

Grundsätzlich drückt sich diese Untersuchung um das eigentliche Problem. Dieses lautet, ob Bibliotheken gegen all die Konkurrenz aus sozialen Netzwerken, mobilen Anwendungen etc. noch langfristig konkurrenzfähig sein werden. Mit der Spannbreite von den hier angebotenen Empfehlungen - die unbestritten ihre Relevanz haben - , wie geänderte Öffnungszeiten, mehr Internetarbeitsplätze, höhere Aktualität der angebotenen Inhalte, größere Auswahl der angebotenen digitalen Medien oder die Motivierung von Eltern für Bibliotheksbesuche derer Kinder, kann man die Auswirkungen des digitalen Wandels sicher verlangsamen. Aber vermutlich nicht vollständig aufhalten. Seit 1996 ist die Useranzahl zwar praktisch konstant geblieben. 2008 hat es aber einen Einbruch auf 19% gegeben. Es ist zu befürchten, dass die wirtschaftlich schlechte Lage daher für die relativ guten Zahlen 2012 verantwortlich ist. Wenn nicht, was ja sehr erfreulich wäre, müsste man den Einfluss des digitalen Wandels und der digital Natives auf die Nutzerzahlen von Bibliotheken eigentlich als vernachlässigbar einstufen. Was wohl, gelinde gesagt, eine wirklich große Überraschung wäre.

Ergänzend zu diesem Thema ein Hinweis auf eine aktuelle Untersuchung zu öffentlichen Bibliotheken in Schottland. Der Carnegie UK Trust, eine gemeinnützige Stiftung, hat eine dringende Warnung an die öffentlichen Bibliotheken auf der britischen Insel gesendet, die aufgrund des digitalen Wandels, der schwierigen öffentlichen Haushaltslage und des veränderten Lebensstils der Menschen am Scheideweg stehen. In Schottland lieben die Einwohner ihre Bibliotheken zwar wie fast nirgendwo. So sagen aktuell 76% aller Einwohner, dass Bibliotheken für die Gemeinschaft weiterhin sehr wichtig sind und 61% aller Schotten besuchen mindestens einmal im Jahr eine Bibliothek. Trotzdem fordert der Carnegie UK Trust auch für schottische Bibliotheken, dass diese beweisen müssen, dass sie einen positiven Einfluss auf gesellschaftliche Indikatoren wie Gesundheit, allgemeines Wohlbefinden, Beschäftigung und Verringerung der digitalen Kluft beitragen. Zu schnell verändern sich die Rahmendbedingungen durch den technologischen Wandel sowie davon beeinflusst die Lebensgewohnheiten der Nutzer, als dass man hier untätig bleiben sollte. Der Carnegie UK Trust verlangt daher, dass die Bibliotheken schnellstmöglich beginnen, neue, innovative Dienstleistungen zu entwickeln, um für die User langfristig attraktiv zu bleiben. Es ist entscheidend, dass das bisherige  Dienstleistungsangebot angepasst und weiterentwickelt wird, um auch in Zukunft genauso unbezahlbar für Bildung, Kreativitätsförderung und lebenslanges Lernen zu bleiben, wie es heute Bibliotheken sind. Zudem sollen die Bibliotheksgebäude nicht mehr als reine Bibliotheken betrieben werden, sondern als eine Art Gemeinschaftszentrum.

Quellen: Deutscher Bibliotheksverband e.V. (Hrsg.); Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen (Hrsg.): "Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland: Repräsentative Befragung von 1.301 Personen im Alter von 14 bis 75 Jahren"; April 2012, online abrufbar unter http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/DBV/projekte/2012_04_26_Ursachen_und_Gr%C3%BCnde_zur_NN_kurz.pdf  (Zusammenfassung)

bzw.

http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/DBV/projekte/2012_04_26_Ursachen_und_Gr%C3%BCnde_zur_NN_lang.pdf  (Langfassung)

Macdonald, Liz: "A New Chapter: Public library services in the 21st century", 2012, Carnegie UK Trust, online verfügbar unter http://www.carnegieuktrust.org.uk/getattachment/b04629b2-aa09-4bd0-bc3a-9b9b04b7aba1/A-New-Chapter.aspx (öffnet als PDF-Datei)
In einer Studie hat der Deutsche Bibliotheksverband e.V. sich der interessanten Frage angenommen, wieso manche Menschen Bibliotheken nicht nutzen bzw. nicht mehr weiter benutzen wollen. Nicht nur in Zeiten knapper Kassen ist es sicher keine schlechte Idee, mal den gegenteiligen Argumentationsweg einzuschlagen, und die "negative" Bibliotheksbenutzung genauer zu untersuchen. Der Deutsche Bibliotheksverband hat dabei in Zusammenarbeit mit dem Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen mittels einer Telefon-befragung versucht, die Ursachen für diese Nichtnutzung von deutschen Bibliotheken zu identifizieren. Zu diesem Zweck wurden 1.301 Personen zwischen 14 und 75 Jahren in einer repräsentativen Telefonumfrage durch das Feldinstitut IFAK im Zeitraum von Oktober bis November 2011 befragt. Im Mittelpunkt der Studie stehen dabei im Besonderen die ehemaligen Nutzer sowie die prinzipiellen Nichtnutzer von öffentlichen Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien.  

Nachfolgend ein Auszug aus den gefundenen Resultaten:

  • Seit 1996 hat sich das Verhältnis zwischen Nutzern und Nichtnutzern von öffentlichenBibliotheken in der deutschen Bevölkerung kaum verändert. So hat 1996 das Markt- und Meinungsforschungsunternehmen Infas 30% aktive Bibliotheksbenutzer und 70% Nichtuser eruiert. 2004  ergab sich ein Verhältnis von 29% zu 71% (wiederum erhoben durch Infas). 2008  bei 19% zu 81% und 2012 ein Verhältnis von 29% zu 71% (jeweils durch die Stiftung Lesen erhoben).
  • 37% der befragten Teilnehmer waren in den letzten 12 Monaten wenigstens einmal in einer öffentlichen oder wissenschaftlichen Bibliothek. 2% haben ...

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