Informationskompetenz vs. Selbstüberschätzung

Ausgabe 2-2017

Falschinformationen, Fake-News, alternative Fakten oder seit kurzem sogenannte „unvollständige Informationen“ durchziehen besonders die schnelllebige Online-Welt, finden sich heute aber verstärkt in allen Arten von analogen und digitalen Medien. Unabhängig von dem Medientyp ist die Frage, wieso viele Menschen nicht in der Lage sind, selbst sehr offensichtliche und plumpe Falschinformationen als solche zu verstehen? Eine Antwort auf diese Frage ist zentral, um die zunehmende Flut an Des- und Falschinformationen zu bekämpfen, und damit entscheidend für das Überleben von demokratischen Systemen. Eine mögliche Antwort findet sich in dem folgenden Beitrag, der sich mit dem sogenannten Dunning-Kruger-Effekt beschäftigt.

Die Grundhypothese der Sozialpsychologen Dunning und Kruger lautet, dass je schlechter die Fähigkeiten oder je geringer das Wissen einer Person auf einem bestimmten Gebiet sind, umso weniger ist diese Person in der Lage die Leistungen in diesem bestimmten Bereich zu beurteilen. Dies gilt dabei sowohl für die eigenen Fähigkeiten als auch für die von Dritten, d.h. man neigt dazu, sich selbst zu überschätzen und ist zudem nicht in der Lage, das Wissen anderer zu beurteilen. Ursprünglich wurde dieser Effekt bei Experimenten mit Schachspielern und Autofahrern entdeckt. Inzwischen wurde diese Hypothese für zahlreiche weitere Gebiete nachgewiesen.

In diesem Artikel wird vermutet, dass der Dunning-Kruger-Effekt auch für das Gebiet der Informationskompetenz (IK) beobachtet werden kann. Basierend auf einer Auswertung der bestehenden Fachliteratur wird konkret untersucht, ob sich der Dunning-Kruger-Effekt in Arbeiten nachweisen lässt, wo die selbst zugesprochenen und die tatsächlichen Informationskompetenz-Fähigkeiten miteinander verglichen wurden. Für diesen Zweck wurde eine systematische Literaturrecherche in spezifischen Fachdatenbanken (Library and Information Science Abstracts (LISA), Library, Information Science & Technology Abstracts (LISTA)) sowie in allgemeinen Datenbanken (Web of Science (WoS), Scopus und Google Scholar) durchgeführt. Bezüglich Erscheinungsdatum und Dokumententyp wurden keine Einschränkungen vorgenommen. Allerdings wurden ausschließlich englischsprachige Publikationen berücksichtigt. Gesamthaft wurden 53 Studien extrahiert, die für die Prüfung des Dunning-Kruger-Effekts geeignet waren. Die Studien stammen aus dem Zeitraum von 1986 bis 2015. Bei den meisten dieser Untersuchungen (50) waren die Probanden Studenten. Die Teilnehmeranzahl reicht von 15 bis 2.114 Personen. Aus der Auswertung dieser Arbeiten haben sich u.a. folgende Resultate und Aussagen ergeben:

  • In 34 Studien (entspricht 64 %) hat sich im Vergleich zu den tatsächlichen gemessenen eine starke Überschätzung der selbst zugesprochenen Informationskompetenz-Fähigkeiten ergeben. In 7 weiteren (13 %) findet sich zumindest eine teilweise Selbstüberschätzung der Studienteilnehmer. In zwei Studien (4 %) stimmen die selbst vorgenommenen Einschätzungen der IK-Fähigkeiten vollständig mit den tatsächlich beobachteten überein. In 3 Studien (6 %) findet sich auch eine teilweise Unterschätzung der eigenen IK-Fähigkeiten.

  • Nur in 4 Studien (8 %) findet sich eine positive Korrelation zwischen vermeintlichen und tatsächlichen IK-Fähigkeiten. In vier weiteren Untersuchungen findet sich diese positive Korrelation zumindest teilweise.

  • In fünf Studien (9 %) sind die gefundenen Zusammenhänge nur schwach ausgeprägt, d.h. sie sind statistisch nicht signifikant oder es gibt gar keine Korrelation zwischen den Selbstauskünften und der effektiv gemessenen Informationskompetenz.

  • Mehrheitlich (92 %) zeigen sich in 49 der 53 untersuchten Fälle Abweichungen (Überschätzung oder Unterschätzung, sowie vollständig oder teilweise) bei der Selbsteinschätzung gegenüber den tatsächlichen Fähigkeiten.

  • Medizin (eine angewandte Wissenschaft) und Wirtschaft (eine Sozialwissenschaft) waren in den ausgewerteten Studien die am häufigsten untersuchten Fachgebiete. In 6 von 9 der medizinisch bezogenen und 7 der 8 wirtschaftsbezogenen Studien wurde der Dunning-Kruger-Effekt nachgewiesen. Aufgrund dieser Resultate gehen die Studienautoren davon aus, dass dieser Selbstüberschätzungseffekt öfters bei Teilnehmern aus den Sozialwissenschaften auftritt (Anmerkung: das ist eine gewagte These, wenn man die geringe Anzahl an Stichproben berücksichtigt).

  • In den Studien, wo die Studienteilnehmer Studenten waren, wurde in 31 von 37 Fällen eine Selbstüberschätzung festgestellt. Umgekehrt hat nur eine einzige Untersuchung, wo die Teilnehmer Doktoranden waren, eine komplette Selbstüberschätzung der IK-Fähigkeiten ergeben. In einer weiteren wurde eine teilweise Falscheinschätzung gefunden. Aus dieser Beobachtung lässt sich ablesen, dass mit einem zunehmenden Bildungsniveau die Selbsteinschätzung der IK-Fähigkeiten sich an die tatsächlichen anpasst.

  • Eine wichtige Folge des Dunning-Kruger-Effekts ist der, dass Personen mit unterdurchschnittlichen IK-Fähigkeiten sehr unwahrscheinlich Hilfe in Anspruch nehmen, um ihre Fähigkeiten zu verbessern, da sie ein hohes Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten besitzen. Dies gilt selbst wenn sie bei einer Suche scheitern oder nur sehr minderwertige oder unvollständige Informationen finden. Mit anderen Worten haben ausgerechnet diejenigen, die über geringe IK-Fähigkeiten verfügen und eigentlich Schulungen am nötigsten hätten, kaum eine Motivation entsprechende IK-Schulungen zu besuchen (Anmerkung: Der Dunning-Kruger-Effekt lässt sich aktuell sehr schön anhand vieler Nutzer von ominösen Nachrichtenportalen wie Breitbart beobachten. Die britische Rundfunkanstalt BBC hat einige Trump-Anhänger befragt, woher sie eigentlich ihre Informationen beziehen. Die dort gegebenen Antworten zeichnen das Bild des Dunning-Kruger-Effekts eindrücklich nach. Die Nutzer geben in diesen Interviews eine maßlose Selbstüberschätzung der eigenen IK-Fähigkeiten preis, was fast zwangsläufig zur alleinigen Nutzung „alternativer Informationsquellen“ wie Breitbart oder sozialen Medien ohne redaktionelle Prozesse wie Twitter und Facebook führen muss. Quelle: 'No truth in journalism': Trump voters cast wide net for news, http://www.bbc.com/news/world-us-canada-38191313)

  • Es gibt einen weitverbreiteten Glauben, dass die Google-Generation mit all ihren Computer- und Internetfähigkeiten gleichzeitig auch informationskompetent ist. Die vorliegende Auswertung zeigt, dass dies eher ein gefährlicher, d.h. falscher, Mythos ist. Der Umgang mit digitalen Geräten kann nicht automatisch mit Informationskompetenz gleichgesetzt werden. Es ist unverzichtbar, dass Informationskompetenz vermittelt werden muss. Sie ist nicht etwas, was man einfach mit der „Muttermilch“ aufsaugen kann.

Die vorgestellte Arbeit beschäftigt sich wohl eher unabsichtlich mit dem brandaktuellen Thema „Fake News“, nämlich in Form der mangelnden Informationskompetenz, die den Kern für die massenhafte Verbreitung und Nutzung von Falschmeldungen darstellt. Ursache ist eine teilweise maßlose Selbstüberschätzung vieler Menschen bezüglich ihrer eigenen IK-Fähigkeiten. Ein bekanntes Anschauungsbeispiel des Dunning-Kruger-Effekts ist die Frage, wer sich für einen guten Autofahrer hält. In Deutschland dürfte sich dieser Wert irgendwo zwischen 90 und 100 % bewegen. Wären alle wirklich gute Autofahrer, gäbe es aber nicht annähernd so viele Verkehrstote und Unfälle. Die vorliegenden Studienresultaten zeigen – wie zu befürchten war –, dass der Dunning-Kruger-Effekt auch für den Bereich der Informationskompetenz in den meisten Fällen gültig ist. Und wer kennt sie nicht, die Googler und Facebooker, die sich ihre Informationen und Wahrheiten innerhalb von wenigen Sekunden ergoogeln, und dies meist noch mit den berühmt-berüchtigten Suchanfragen, die aus einen bis maximal zwei Worten bestehen? Schon die ausschließliche Verwendung von Google oder Facebook zur Informationssuche beweist die nicht vorhandene Informationskompetenz dieser User. Nutzer, die solch ein informationsinkompetentes Verhalten zeigen, sind sich aus diesem Grund auch nicht bewusst, dass Google ihnen unzähligen Falschantworten liefert, wie man hier z.B. https://theoutline.com/post/1192/google-s-featured-snippets-are-worse-than-fake-news eindrücklich nachlesen kann. Inzwischen glauben zu viele an das Märchen, dass Google auf jede Frage eine Antwort findet. Wie oft bekommt man heute in Diskussionsforen ein umgehendes GidF („Google ist dein Freund“) auf eine Frage entgegengeschleudert? Angeblich ist dies ein dezenter Hinweise für Leute, die sogar zu faul sind Google selbst zu benutzen, als ob dort alle Wahrheit immer und ewig in den Suchlisten verankert sein würde. Früher musste man zur Klärung solcher Informations- und Wissenslücken bevorzugt eine Bibliothek aufsuchen. Heute reichen vermeintlich eben ein Rechner und ein Internetzugang, um schnell die „richtige“ Antwort zu finden.

Die Lösung für dieses Dilemma haben Kruger und Dunning selbst schon aufgezeigt und heißt mehr Bildung und Wissen für alle. Die grundsätzliche Überlegung dahinter lautet, dass man, wenn man über ein gewisses Wissensniveau verfügt, zumindest in der Lage ist zu entscheiden, ob eine Quelle als seriös oder unseriös einzustufen ist. Die präsentierten Studienergebnisse haben aber auch Auswirkungen auf die Vermittlung von Informationskompetenz durch Informationsspezialisten. Die Bewertung und Messung von IK-Fähigkeiten, die auf gewissen Selbsteinschätzungen der Benutzer beruhen, sind nicht zuverlässig. Zur Prüfung und Beurteilung der IK von Usern müssen Wissens- und andere Fähigkeitstests eingesetzt werden. Außerdem sollten Bibliothekare spezielle Schulungsprogramme für die Bedürfnisse von Personen entwerfen, die ein niedriges IK-Niveau aufweisen. Eine große Schwierigkeit ist allerdings, wie dieser Beitrag ebenfalls verdeutlicht hat, dass gerade diejenigen mit der geringsten Informationskompetenz sich nicht oder nur schwer dazu verleiten lassen, sich diese fehlenden Kenntnisse anzueignen. Oder um den britischen Philosophen, Mathematiker, Logiker, Historiker, Sozialkritiker etc. Bertrand Russell zu zitieren: „The fundamental cause of the trouble is that in the modern world the stupid are cocksure while the intelligent are full of doubt.“

Quelle:
Mahmood, Khalid: „Do People Overestimate their Information Literacy Skills? A Systematic Review of Empirical Evidence on the Dunning-Kruger Effect“; in: Communications in Information Literacy, 2016, Vol. 10, No. 2, 199-213

Schlagwörter:
Dunning-Kruger-Effekt, Fake News, Google, Informationskompetenz, Selbstüberschätzung

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