Editorial 9-2019

Was bitte schön bedeutet „IAOTWFFˮ?

Die vorliegende Ausgabe Nummer 9 der Library Essentials ist unsere Weihnachtsausgabe. Sie kommt zu den Feiertagen auf Ihren Schreibtisch oder auf Ihren Bildschirm. Da darf doch auch einmal ein kleines Weihnachtsrätsel dabei sein? Was also stellen Sie sich unter „IAOTWFFˮ vor? Nichts? Ich will Sie nicht lange auf die Folter spannen, sondern dieses Akronym für Sie auflösen: Es steht für „It's All On The Web. For Freeˮ. Und, kennen Sie diese Aussage? Vielleicht ist es ja sogar Ihre eigene Maxime bei der Literatur- und Informationssuche, bestimmt aber ist sie Ihnen als Information Professional schon oft begegnet. Was einerseits wie das Schlaraffenland der Informationsversorgung klingt, ist andererseits die Bankrotterklärung vor professionellen Institutionen und Strukturen, die es besser wissen und besser können. Anders gewendet bedeutet „It's All On The Web. For Free“ auch die Bankrotterklärung all jener Institutionen, die sich bislang professionelle Informationsbeschaffung auf die Fahnen geschrieben haben. Damit meine ich nicht nur jene allzu emsigen Bibliotheken, die über jedes Open-Access-Journal jubeln und über jeden scheinbar eingesparten Euro (eine sehr kurzfristige Sicht, wie sich bereits jetzt zeigt), sondern auch jene Nutzer von bislang professionellen Informationseinrichtungen, die sich nun lieber auf die freien Inhalte im Netz stützen. Wir haben in diesem Heft interessante Beiträge versammelt, die zu unserem zweiten Weihnachtsrätsel führen: Was haben frei zugängliche Informationen im Netz, professionelle Informationssuche und die Studie des Börsenvereins zur Onleihe in (Öffentlichen) Bibliotheken miteinander zu tun? Als Profi kennen Sie die Lösung längst: Wir leben in einer spannenden Zeit, in der klassische Wege überholt scheinen und neue Geschäftsmodelle boomen. Tatsächlich zeigt ein Beitrag, dass amerikanische Dozenten einen Großteil ihres Informationsbedarfs aus freien Quellen im Netz decken und nicht mehr ihre Hochschulbibliothek nutzen. Das sollte allen zu denken geben, die sich nun zurücklehnen und die Inhalte im freien Web preisen: In kommerziellen Unternehmen hat genau das zur flächendeckenden Schließung von Informationsabteilungen geführt.
In einer weiteren Studie, die wir vorstellen, zeigen wir die Folgen eines Information Overload: Es ist dringender denn je, dass gerade wegen der Unmengen an freien Informationen strukturgebende, (aus-)sortierende und vor allem unabhängige Institutionen und Instanzen für die dringend notwendige Fokussierung sorgen. Jetzt fehlt nur noch die Studie des Börsenvereins, die auszusagen scheint, dass die Onleihe der (Öffentlichen) Bibliotheken das Buchgeschäft des Buchhandels torpediert. Tatsächlich werden die Aussagen vom Börsenverein und dem Deutschen Bibliotheksverband sehr unterschiedlich interpretiert. Aber – und das ist des Weihnachtsrätsels Lösung, die Interpretation ist völlig gleichgültig, denn das entscheidende Thema ist die Notwendigkeit einer angemessenen Lösung für die Nutzung elektronischer Bücher in Bibliotheken. Und hier wird der Börsenverein endlich im 21. Jahrhundert ankommen und adäquate Angebote vorlegen müssen.
Insgesamt also wird klar: „It's All On The Web. For Free“ ist keine Lösung, sondern eine Herausforderung. Elektronische Literatur und Information sind heute längst selbstverständlich geworden. Wir brauchen dazu angemessene Geschäfts- und Nutzungsmodelle, aber gleichzeitig auch einen professionellen (und bitte keinen naiven) Blick auf langfristige Qualität, Erschließung und Zugänglichkeit freier elektronischer Informationen im Netz.
Nur mit dieser differenzierten Sicht sind wir in unserer Branche sicher unterwegs.
Im Namen des gesamten Redaktionsteams wünsche ich Ihnen erholsame Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2020.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

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