Bibliotheken sind keine Fähnchen im Wind
Nutzerorientierung gehört zum selbstverständlichen Vokabular moderner Bibliotheken, denn sie müssen wissen, was ihre Nutzerinnen und Nutzer wollen, ihre Angebote entsprechend ausrichten und flexibel auf neue Bedürfnisse reagieren. Das klingt vernünftig, aber man sollte es trotzdem gelegentlich hinterfragen.
Einen interessanten Anlass bietet der neue Social-Media-Report der Techniker Krankenkasse. 80 Prozent der befragten 12- bis 17-Jährigen sagen, Social Media tue ihnen gut oder eher gut. Gleichzeitig sprechen sich 55 Prozent für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche aus. 57 Prozent stört die viele Werbung, 52 Prozent beklagen Fake News und 36 Prozent, dass sie sich zu lange in sozialen Medien verlieren („Mehrheit der Jugendlichen befürwortet Social-Media-Verbot“, Seite 5). Für Bibliotheken steckt darin eine interessante Botschaft: Vielleicht sollten sie vorsichtiger sein mit der Vorstellung, sie müssten nur herausfinden, was ihre Zielgruppen wollen, um anschließend genau das anzubieten. Denn die Bedürfnisse scheinen weder eindeutig noch stabil. Jugendliche wollen Social Media nutzen und möchten zugleich davor geschützt werden. Was heute als unverzichtbare Erwartung einer Zielgruppe erscheint, kann morgen schon wieder verschwunden sein.
Für eine Institution, die auf Dauer angelegt ist, kann es deshalb gefährlich werden, sich permanent an vermeintlichen Nutzerwünschen auszurichten. Sie muss nicht jedem Trend hinterherlaufen und jede gesellschaftliche Mode in ein neues Angebot oder einen neuen „Space“ übersetzen. Zumindest ein Teil ihrer Bedeutung liegt gerade darin, nicht wie ein Fähnchen im Wind jeder Veränderung des Zeitgeistes zu folgen. Bibliotheken stehen für Dauer, Verlässlichkeit, Sammlung und Ordnung. Sie bewahren auch Dinge, deren unmittelbare Nachfrage gering sein mag, und halten Wissen in verschiedenster Form verfügbar, das momentan nicht populär ist.
Dazu passt der aktuelle Freckle Report über die Entwicklung amerikanischer Public Libraries (siehe „Tim Coates analysiert 15 Jahre IMLS-Daten zu US-amerikanischen öffentlichen Bibliotheken“, S. 15).
Die Bibliotheken in den USA seien keineswegs unterversorgt. 2024 gab es 17.580 öffentliche Bibliothekseinrichtungen und 147.289 Beschäftigte, für den Betrieb standen fast 18 Milliarden Dollar zur Verfügung. Gleichzeitig sank die Zahl der jährlichen Besuche von rund 1,57 Milliarden im Jahr 2010 auf 869 Millionen im Jahr 2024. Auch die Ausleihe ging erheblich zurück.
Tim Coates zieht daraus eine überraschend traditionelle Konsequenz und fragt nach den Beständen: Finden Leserinnen und Leser dort tatsächlich die Autorinnen und Autoren, Sachbücher, Klassiker und älteren Titel, die sie suchen? Gibt es Backlists? Und was wird vielleicht nur deshalb nicht ausgeliehen, weil die Bibliothek es gar nicht mehr besitzt? Auch Bibliotheken haben gelernt, auf Aktualität und messbare Nachfrage zu reagieren. Bestseller versprechen hohe Umschlagszahlen, während ältere Literatur schnell unter Rechtfertigungsdruck gerät. Doch der Bestseller von heute ist überall erhältlich. Die Backlist von gestern schon weniger. Und ein Buch, von dem heute niemand weiß, dass es in zehn Jahren wieder gebraucht wird, findet sich womöglich nur dort, wo jemand den Mut hatte, es nicht auszusondern.
Ähnliches gilt für die enorme Ausweitung bibliothekarischer Aktivitäten. Bibliotheken veranstalten, beraten, schulen, produzieren, moderieren, vernetzen und experimentieren. Vieles davon ist hilfreich, aber nicht alles ist auch sinnvoll. Flexibilität ist zwar eine Stärke, sie kann aber auch zum Euphemismus für fehlende Prioritäten werden. Wenn auf jede neue gesellschaftliche Entwicklung mit einem weiteren Angebot reagiert wird, wird irgendwann unklar, wofür die Bibliothek eigentlich steht, und Beliebigkeit wird zum Programm. Das bedeutet nicht, Nutzerbedürfnisse zu ignorieren, aber eine Institution braucht einen Kern, der nicht permanent zur Disposition steht.
Gerade in einer Gesellschaft, in der Plattformen, Moden und Aufmerksamkeiten immer schneller wechseln, kann Stabilität selbst zu einem Wert werden. Denn zunehmend werden Bibliotheken nicht trotz ihrer Beharrlichkeit geschätzt, sondern gerade ihretwegen.
Herzlich
Ihr Rafael Ball

