Grenzwertig
Das wissenschaftliche Publikationssystem produziert immer mehr – und kommt gerade deshalb zunehmend an seine Grenzen. Wir analysieren in der vorliegenden Ausgabe von Library Essentials drei aktuelle Untersuchungen, die das Thema von unterschiedlichen Seiten her beleuchten. Zusammengenommen ergeben sie ein beunruhigendes Bild, denn wir haben nicht nur ein Kostenproblem, nicht nur ein Qualitätsproblem und auch nicht nur ein Problem wissenschaftlicher Integrität, sondern wir haben vor allem ein Mengenproblem.
Eine aktuelle bibliometrische Untersuchung in „Scientometrics“ identifiziert 10.409 bereits zurückgezogene Publikationen, die Paper Mills zugerechnet werden („Über zehntausend Paper-Mill-Artikel zurückgezogen“, S. 25). Allein 2023 erreichte die Zahl der Retractions in diesem Datensatz mit 6.780 einen Höhepunkt. Paper Mills sind kriminelle Systeme, die nur in einem Wissenschaftssystem gedeihen können, in dem Publikationszahlen zur einzigen Währung geworden sind. Wo Karriere, Evaluation und Reputation allein vom Output abhängen, entsteht zwangsläufig ein Markt für diesen Output. Paper Mills sind daher weniger Ursache als besonders drastisches Symptom.
Gleichzeitig steigen die Kosten des Publizierens massiv. Eine weitere Studie schätzt, dass zwischen 2019 und 2025 weltweit rund 15 Milliarden US-Dollar an Article Processing Charges an nur 14 große Wissenschaftsverlage geflossen sind („Über 15 Milliarden Dollar für Open-Access-Gebühren an nur 14 Verlage“, S. 14).
Die jährlichen Ausgaben haben sich innerhalb weniger Jahre vervielfacht. Open Access hat zwar den Zugang geöffnet, das Mengenproblem aber nicht gelöst. Wo für jeden veröffentlichten Artikel bezahlt wird, kann wachsender Publikationsoutput sogar unmittelbar zusätzlichen Umsatz erzeugen.
Eine dritte Untersuchung zeigt, wie schwer selbst Herausgeberinnen und Herausgeber diesem System entkommen können oder wollen („Warum viele Zeitschriftenredaktionen trotz Sympathie für Open Access bei kommerziellen Verlagen bleiben“, S. 23). Offenheit und wissenschaftliche Werte spielen bei der Wahl von Publikationsmodellen eine Rolle, gleichzeitig aber auch Produktionsunterstützung, redaktionelle Autonomie und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Gerade Fachgesellschaften können finanziell von bestehenden Publikationsmodellen abhängig sein.
Die drei Artikel beschreiben deshalb unterschiedliche Seiten derselben Entwicklung. Immer mehr Publikationen müssen produziert, finanziert, begutachtet, indexiert, gespeichert, entdeckt, bewertet, kontrolliert und im Zweifelsfall wieder zurückgezogen werden. Darauf reagiert das Wissenschaftssystem mit mehr Technik, mehr Monitoring, Integrity Checks, KI-gestützten Prüfverfahren und komplexeren Infrastrukturen. Wir perfektionieren damit die Verwaltung eines Problems, dessen Ursache wir kaum diskutieren und vor allem nicht abstellen oder abstellen können.
Denn die unbequeme Frage lautet, ob wir wirklich so viele wissenschaftliche Publikationen benötigen. Nicht jede kleine Beobachtung, nicht jedes minimale Inkrement des Wissens braucht ein eigenes Paper und muss publiziert werden und nicht jede thematische Nische braucht ein eigenes Journal.
Wissenschaftliche Produktivität darf deshalb nicht länger mit Publikationsmenge verwechselt werden. Man könnte fordern, dass wir weniger Publikationen brauchen, dafür aber gehaltvollere und qualitativ hochwertigere Übersichten und Synthesen, mit stärkerer redaktioneller Auswahl durch die Zeitschriften. Wissenschaftliche Kommunikation sollte wieder stärker fragen, was wirklich mitteilenswert und weniger, was gerade noch als „least publishable unit“ publizierbar ist.
Auch Bibliotheken sollten sich an dieser Debatte beteiligen. Ihre Aufgabe kann nicht nur darin bestehen, immer mehr Output zu lizenzieren, zu finanzieren, zu erschließen und zugänglich zu machen. Sie sollten auch fragen, welches Publikationssystem Wissenschaft eigentlich braucht, und bei der Lösung mitdenken und mitarbeiten dürfen, denn ein nachhaltiges Publikationssystem braucht Mut zur Begrenzung, da Qualität nicht einfach aus Masse entsteht.
Eine der wichtigsten Reformideen des Publikationssystems klingt deshalb erstaunlich einfach: Weniger ist mehr.
Herzlich
Ihr Rafael Ball

