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Editorial 6-2026

Datum: 6. August 2026
Autor: Rafael Ball
Kategorien: Editorial

Nicht Gemischtwarenladen, sondern Institution

Bibliotheken stehen unter Druck. Sie sollen Lernort sein, Forschungsinfrastruktur, Datenzentrum, Publikationsdienstleister, Kulturraum, sozialer Treffpunkt, KI-Kompetenzzentrum, Aufenthaltsort, Community-Plattform und vieles mehr. Vieles davon ist richtig, manches sogar notwendig. Aber je länger die Liste wird, desto dringlicher wird eine unbequeme Frage: Wofür steht die Bibliothek eigentlich noch?

In einem Beitrag von John Cox „Was Hochschulbibliotheken von ihren Hochschulen lernen müssen“ S. 2-6 in dieser Ausgabe wird daran erinnert, dass Bibliotheken ihre Rolle nicht dadurch sichern, dass sie sich aus den politischen und strategischen Debatten ihrer Institutionen heraushalten. Sie sollten sich vielmehr einmischen, ihre Relevanz erklären, institutionelle Prioritäten mitgestalten und deutlich machen, welchen unverwechselbaren Beitrag sie für Forschung, Lehre, Studium und Gesellschaft leisten. Neutralität im Sinne von Rückzug sei keine Tugend, sondern ein Risiko.

Erschwerend kommt hinzu, was Cox als Identitätsdiffusion beschreibt. Bibliotheken erbringen viele Leistungen, an vielen Stellen, mit vielen Partnern, es fällt ihnen jedoch zunehmend schwer, dies prägnant zu kommunizieren. Aber Vielfalt allein ergibt noch kein Profil. Eine Bibliothek, die überall ein bisschen beteiligt ist, kann am Ende nirgends mehr als eigenständige Institution wahrgenommen werden. Es fehlt dann das „funktionale Identitätskontinuum“, das ich an anderer Stelle definiert und erläutert habe.

Das gilt nicht nur für wissenschaftliche Bibliotheken. Auch Öffentliche Bibliotheken entwickeln sich zunehmend zu offenen Infrastrukturen des Alltags. Im Beitrag „Library of Things“ (S. 18-22) wird berichtet, dass Werkzeuge, Musikinstrumente, Abendkleider, Kunstwerke, Pilzsammelkits oder sogar Geisterjagd-Ausrüstungen verliehen werden. Für eine ÖB ist der soziale Impuls als demokratischer Gedanke der Teilhabe nachvollziehbar.

Aber nicht alles, was verliehen werden kann, ist deshalb schon Bibliothek. Wenn die Bibliothek zur allgemeinen Ausleihstation für beliebige Gegenstände wird, droht sie zum Gemischtwarenladen zu werden. Sie mag dann sympathisch, nützlich und gut besucht sein, aber ihr institutioneller Kern wird unscharf. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, was Bibliotheken alles anbieten können, sondern wo ihre Grundkompetenz liegt.

Diese Grundkompetenz liegt aber nicht im bloßen Verleihen. Sie liegt in Auswahl, Ordnung, Zugang, Kontextualisierung, Vermittlung, Archivierung Orientierung und Vertrauen. Genau deshalb betrachten wir Bücher nie als Gegenstände, sondern als Träger von Wissen, Erfahrung, Bildung und Öffentlichkeit. Das ist mit der Ausleihe von „Dingen“ nur schwer vermittelbar.

Die Zukunft der Bibliothek liegt deshalb nicht in der Addition immer neuer Services. Sie liegt in der bewussten Weiterentwicklung ihres institutionellen Kerns. Bibliotheken müssen sich politisch einmischen, strategisch positionieren und zugleich den Mut haben, nicht alles zu tun, was möglich ist. Gerade in Zeiten knapper Ressourcen ist Profil wichtiger als Breite.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Über Rafael Ball

Rafael Ball studierte die Fächer Biologie, Slawistik und Philosophie an den Universitäten Mainz, Warschau und Smolensk. 1994 wurde er am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Mainz zum Dr. rer. nat. promoviert. Bekannt ist er für seine Ideen zur Bibliothek der Zukunft, zur Wissenschaftskommunikation und zur heutigen Rolle des gedruckten Buches. Er ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift B.I.T.online.