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Editorial 5-2026

Datum: 25. Juni 2026
Autor: Rafael Ball
Kategorien: Editorial

Es braucht Strategie!

Forschungsdaten sind längst ein zentrales Thema wissenschaftlicher Bibliotheken. Repositorien, FAIR Data, Persistenz, Nachnutzung und Open Science gehören heute zum Standardvokabular. Doch eine entscheidende Frage wird oft zu spät gestellt: Welche Strategie steht eigentlich hinter dem, was wir sammeln, speichern und langfristig verfügbar halten?

Es reicht nicht, Technik bereitzustellen, Upload-Prozesse zu erklären und Speicherplatz zu organisieren. Das alles ist notwendig, stellt aber noch keine Forschungsdatenstrategie dar. Zu schnell wird vom konzeptionellen Nachdenken in den operativen Betrieb gewechselt. Daten werden geladen, gehostet, beschrieben und migriert — doch nach welchen Kriterien? Welche Daten nehmen wir auf, welche nicht? Bilden Repositorien die wissenschaftlichen Profile ab, sind sie eingebunden in die Fakultäts- und Professurenstruktur der Universität oder sammeln sie vor allem das, was zufällig hochgeladen wird?

Der Beitrag von Ramsey McManus in dieser Ausgabe erinnert daran, wie wichtig klare Policies dazu sind. (Digitale Langzeitarchivierung braucht klare Regeln, S.17). Seine Analyse von Universitätsbibliotheken zeigt, dass Umfang, Transparenz und Verbindlichkeit solcher Policies sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Genau das ist aber die Herausforderung, denn digitale Langzeitverfügbarkeit beginnt nicht bei Dateiformaten und Speichersystemen, sondern bei institutionellen Entscheidungen darüber, was bewahrt werden soll, warum, für wen und wie lange.

Bibliotheken wissen aus ihrer Geschichte, dass Bestandsaufbau kein Zufallsprodukt sein darf. Erwerbungsprofile, Sammlungsrichtlinien und Aussonderungskonzepte waren und sind Ausdruck professioneller Verantwortung. Bei Forschungsdaten aber werden Entscheidungen häufig noch zu stark aus einer operativen IT-Logik heraus getroffen. Dann wird ein Repositorium schnell zur einer Datenablage, die vielleicht an der ein oder anderen Stelle nützlich, aber nicht zwingend strategisch und notwendig als Sammlung erkennbar ist.

Gerade Forschungsdaten brauchen jedoch bibliothekarische Kompetenz. Es geht um Auswahl, Ordnung, Kontextualisierung, Rechte, Zuständigkeiten, Nachnutzung und langfristige Verantwortung. Was geschieht, wenn Forschende die Universität verlassen oder versterben? Wer entscheidet über Zugriff, Sperrfristen, Löschung oder weitere Pflege? Und wie werden Daten so erschlossen, dass sie nicht nur gespeichert, sondern auch gefunden, verstanden und sinnvoll nachgenutzt werden können?

Ein Forschungsdatenrepositorium ist deshalb mehr als eine technische Infrastruktur. Es sollte vielmehr ein strategisches Instrument der Universität sein, das zeigt, welche Forschung dokumentiert wird, welche Daten langfristig relevant sind und wie ernst eine Institution ihre Verantwortung für wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit nimmt.

Dazu ist Technik unverzichtbar, aber ebenso wichtig sind Sammlungskompetenz, Ordnungssinn und strategisches Denken. Es ist also sinnvoll und nötig, nicht nur den Betrieb eines Repositoriums zu planen, sondern auch dessen Strategie. Am besten gelingt das, wenn man diese Aufgabe nicht allein der IT überlässt, sondern in die Hand erfahrener Bibliothekare legt, die wissen, was eine Sammlung ist und wie man ihren Aufbau organisiert.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Über Rafael Ball

Rafael Ball studierte die Fächer Biologie, Slawistik und Philosophie an den Universitäten Mainz, Warschau und Smolensk. 1994 wurde er am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Mainz zum Dr. rer. nat. promoviert. Bekannt ist er für seine Ideen zur Bibliothek der Zukunft, zur Wissenschaftskommunikation und zur heutigen Rolle des gedruckten Buches. Er ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift B.I.T.online.