Editorial 5-2020

KI, IoT, OER? Trend oder Non-Trends?

Das Internet der Dinge wird uns schon seit mehr als 20 Jahren als der Trend der Zukunft vermittelt. Der Begriff selbst existiert seit 1999, er wurde vom britischen Technologie-Pionier Kevin Ashton eingeführt. Die vielen Beispiele, mit der uns diese Idee „verkauftˮ werden soll, können wir alle schon nicht mehr hören. Wir wollen nichts mehr wissen vom Kühlschrank, der automatisch kommuniziert und idealerweise die Milch beim Lebensmittellieferanten selbstständig bestellt, sobald die alte verbraucht ist. Und auch das sensorüberwachte T-Shirt, das den bevorstehenden Kreislaufkollaps seiner Trägerin an den nächstgelegenen Rettungsdienst meldet, will uns nicht mehr begeistern. Wer einmal in einem Hotelzimmer mit überwachter Minibar nach seinem Lieblingsbier gesucht hat und am nächsten Morgen beim Auschecken die halbe Minibar in Rechnung gestellt bekommt, weiß, dass das Internet der Dinge auch seine Grenzen hat. Und nicht nur seit Corona, aber sicher verstärkt durch die Erfahrungen der physischen Einschränkungen des Menschen, überzeugen die Heilsvisionen einer komplett vernetzten physischen Welt nicht mehr wirklich. Im Gegenteil: Wir sehnen uns doch alle zurück nach der echten Begegnung mit dem Konkreten, der Besichtigung von Städten und Ausstellungen, nach Begrüßung und Umarmung unserer Freunde und nach den gemeinsamen großen und kleinen Festen bei Musik, guter Laune und körperlichen Kontakten. Die Reduktion des Menschen auf digitale Konnektivität endet im fahlen Licht der virtuellen Realität; und die ist nur ein schwacher Abglanz der Wirklichkeit.
Das Internet der Dinge ist bei vielen Aufgaben, die damit automatisiert und schneller erledigt werden können, ein Segen. Wir schätzen den schnellen Paketversand und die präzise Zustellung oder die Remote-Analyse und Überwachung von komplexen technischen Systemen durch eine vielfältige Sensorik. Das ist sinnvoll und hilfreich.
Ob Bibliotheken und ihre Kunden das Internet der Dinge wirklich brauchen, ist hingegen fraglich. Auch wenn Liang Xueling das in seinem Beitrag behauptet und schöne Anwendungsszenarien beschreibt (Liang Xueling: “Internet of Things and its applications in libraries: a literature review”. S.??? – Quelle für den ersten Artikel - ORC)
Viel erfolgversprechender hingegen scheinen mir die Ideen und Ansätze von Künstlicher Intelligenz für Bibliotheken und ihre Nutzer zu sein. Auch dieser Ansatz ist nicht neu, er ist lediglich aufgrund der damals noch schwachen Computerleistungen nicht von Fleck gekommen. Heute hingegen ist die Leistungsfähigkeit der Rechner so groß, dass KI sinnvoll eingesetzt werden kann. Gerade für Bibliotheken ist dieser Ansatz erfolgversprechend. Denn die Zukunft des Informationsmanagements führt nicht über die Auflösung der physischen Bibliothek und die Verbindung ihrer Teile durch das Internet der Dinge, sondern über die intelligente Komplementarität von digitalen Angeboten und physischer Präsenz für die Nutzer. Und gerade dann, wenn sich Bibliotheken von informationszentrierten zu datengetriebenen Einrichtungen entwickeln, sind die Ansätze von Künstlicher Intelligenz weitaus hilfreicher und nutzbringender als die Vision vom kommunizierenden Kühlschrank. Wir haben deshalb in dieser Ausgabe gleich drei Beiträge zum Thema „Künstliche Intelligenzˮ.
Herzlich
Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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