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Editorial 4-2026

Datum: 7. Mai 2026
Autor: Rafael Ball
Kategorien: Editorial

KI und die Sehnsucht nach Verlässlichkeit, Tiefe und Orientierung

Es ist eine eigentümliche Gleichzeitigkeit, die diese Ausgabe der Library Essentials prägt: Noch nie war so viel Künstliche Intelligenz im Wissenschaftssystem präsent – und selten war die Sehnsucht nach Verlässlichkeit, Tiefe und Orientierung so groß wie heute.

Die Dynamik der Digitalisierung, insbesondere durch generative KI, produziert neue Möglichkeiten – aber ebenso neue Unsicherheiten, Verluste und paradoxe Effekte.

Das zeigt sich bereits im Bereich der Forschungsdaten. Dorothea Streckers Analyse zur Stabilität von DataCite-Metadaten („Wie verlässlich sind Metadaten für Forschungsdaten wirklich?“ ab S. 5) relativiert ein verbreitetes Ideal, dass nämlich Metadatenpflege eben kein kontinuierlicher, kuratorischer Prozess ist, sondern punktuell, selektiv und institutionell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Die Infrastruktur steht – aber sie lebt weniger von permanenter Pflege als von pragmatischer Stabilität.

Noch deutlicher wird das Problem im Beitrag zu KI-Zitationen („Erfundene Quellen – wie KI-Zitationen die Wissenschaft unter Druck setzen“ ab S. 11). Wenn aber generative Systeme Quellen erfinden, gerät das Fundament wissenschaftlicher Praxis ins Wanken. Die Zitation, die der Inbegriff der Nachvollziehbarkeit sein soll, wird selbst zum Unsicherheitsfaktor. Die Zahl potenziell betroffener Publikationen ist alarmierend hoch. Nicht mehr der Zugang zu Wissen ist heute das Problem, sondern seine epistemische Integrität. Wissenschaft steht unter Druck, aber nicht aus Mangel, sondern durch Überproduktion an Masse und synthetischer Plausibilität.

Parallel dazu zeigt ein Blick auf die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen eine besorgniserregende Situation im Bildungssystem. Steigende Bildschirmzeiten, sinkende Kompetenzen und wachsende psychische Belastungen zeigen eine Verschiebung von Aufmerksamkeit und Zeit. Die Konsequenzen heißen weniger Lesen, weniger analoge Interaktionen, weniger konzentrierte Auseinandersetzung. Vor diesem Hintergrund wirkt der bildungspolitische Kurswechsel in Schweden fast wie ein Kontrapunkt. Die Rückkehr zu Schulbüchern, Handschrift und reduzierter Bildschirmnutzung ist keine Absage an Technologie, sondern eine Korrektur ihrer Überdehnung. Es ist die Einsicht, dass Lernen nicht beliebig beschleunigt oder externalisiert werden kann. Gerade grundlegende Kompetenzen entstehen eher in Formen der Verlangsamung und häufig in analogen Kontexten.

Hier gewinnt auch die Rolle der Bibliotheken neue Kontur. Der Beitrag zum Vertrauensparadox „Warum Bibliotheken im Zeitalter von KI wichtiger werden und mit einem Vertrauensparadox zu kämpfen haben“ ab S. 23) macht deutlich, dass Bibliotheken gerade deshalb an Bedeutung gewinnen, weil sie nicht vollständig digitalisiert sind. Ihre physische Präsenz, ihre institutionelle Verankerung und ihr normatives Selbstverständnis machen sie zu Orten epistemischer Stabilität in einer zunehmend fluide werdenden Informationswelt. Vertrauen entsteht hier nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Verlässlichkeit. Wir haben also nicht zu wenig Technologie, sondern zu wenig Balance. Nicht zu wenig Zugang, sondern zu wenig Tiefe und Reflexion. Und meist zu wenig Vertrautheit mit dem eigenen Bestand.

Denn vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, wie viel KI das Wissenschaftssystem verträgt – sondern wie viel analoge Tiefe wir uns noch leisten möchten.

Ganz in diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine anregende und motivierende Lektüre.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Über Rafael Ball

Rafael Ball studierte die Fächer Biologie, Slawistik und Philosophie an den Universitäten Mainz, Warschau und Smolensk. 1994 wurde er am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Mainz zum Dr. rer. nat. promoviert. Bekannt ist er für seine Ideen zur Bibliothek der Zukunft, zur Wissenschaftskommunikation und zur heutigen Rolle des gedruckten Buches. Er ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift B.I.T.online.