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Editorial 3-2026

Datum: 10. April 2026
Autor: Rafael Ball
Kategorien: Editorial

Informationskompetenz – Medienkompetenz – Datenkompetenz

Die Diskussion um die Zukunft der Informationskompetenz hat in den vergangenen Jahren eine neue begriffliche Wendung erfahren: Zunehmend ist von „Datenkompetenz“ die Rede. Doch stellt sich die Frage, ob es sich hierbei tatsächlich um eine neue Qualität handelt oder lediglich um begriffliche Verschiebungen innerhalb eines bereits etablierten Aufgabenfeldes. Was genau meinen Bibliotheken, wenn sie von Datenkompetenz sprechen – und worin liegt ihr genuin bibliothekarischer Beitrag?

Die Bedingungen der Wissensproduktion und -nutzung haben sich geändert. Daten spielen in Wissenschaft, Gesellschaft und Alltag eine immer größere Rolle. Entsprechend erscheint es naheliegend, dass Bibliotheken ihre Angebote im Bereich der Informationskompetenz erweitern und um Aspekte der Datenkompetenz ergänzen. Gleichwohl ist Vorsicht geboten, denn nicht jede Form allgemeiner Datenkompetenz gehört notwendig in den Aufgabenbereich von Bibliotheken und nicht jeder Kurs zu Daten begründet einen spezifisch bibliothekarischen Mehrwert.

Entscheidend ist vielmehr der Bezug zum Bestand und zu den Sammlungen der Bibliothek. Bibliothekarische Kompetenzvermittlung gewinnt ihre Legitimation aus der engen Verbindung von Wissen, Sammlung und Erschließung. Nur dort, wo Datenkompetenz an konkrete Bestände, an kuratierte Datenquellen, an Forschungsdatenrepositorien oder an spezifische Informationsinfrastrukturen der Bibliothek anknüpft, wird sie zu einer genuin bibliothekarischen Aufgabe. Ohne diesen Bezug droht die Gefahr, dass sich Bibliotheken in einem diffusen Feld allgemeiner Bildungsangebote verlieren und damit ihre institutionelle Anbindung aufgeben.

In diesem Zusammenhang erscheint sogar der Begriff der Informationskompetenz selbst nicht gänzlich unproblematisch. In einer Welt von unüberschaubarer Fülle an Informationen verliert ein allzu generisch verwendeter Informationsbegriff an analytischer Schärfe, sind Bibliotheken doch mehr als Orte, an denen Information bereitgestellt wird. Ähnliches gilt für den Begriff der Medienkompetenz, der häufig so weit gefasst ist, dass der spezifische Bezug zur Bibliothek kaum noch erkennbar bleibt.

In der vorliegenden Ausgabe der Library Essentials greifen wir diese Fragen auf und analysieren ab Seite 13 einen einschlägigen Beitrag (Vom Datenhype zur Datenkompetenz: Warum Data Literacy zur Kernaufgabe von Bibliotheken wird).

Vor diesem Hintergrund könnte es sinnvoll sein, über eine begriffliche Neujustierung nachzudenken. Ein altmodisch anmutender, aber präziser Terminus wäre „Bibliothekskompetenz“. Dieser Begriff verweist auf das Ganze der Bibliothek: auf ihre Bestände, ihre Ordnungs- und Erschließungssysteme, ihre Rolle als Gedächtnisinstitution sowie auf ihre Funktion als Infrastruktur wissenschaftlicher und kultureller Praxis. Bibliothekskompetenz umfasste damit nicht nur die Fähigkeit zur Literatur-, Informations- oder Datennutzung, sondern auch das Verständnis der institutionellen Bedingungen, unter denen Wissen entsteht, geordnet und überliefert wird. Gerade darin liegt der spezifische Beitrag von Bibliotheken, der sie von anderen Bildungsanbietern unterscheidet und gerade darin läge der Reiz des neuen Terminus.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und eine gute Zeit.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Über Rafael Ball

Rafael Ball studierte die Fächer Biologie, Slawistik und Philosophie an den Universitäten Mainz, Warschau und Smolensk. 1994 wurde er am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Mainz zum Dr. rer. nat. promoviert. Bekannt ist er für seine Ideen zur Bibliothek der Zukunft, zur Wissenschaftskommunikation und zur heutigen Rolle des gedruckten Buches. Er ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift B.I.T.online.