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Editorial 2-2026

Datum: 6. März 2026
Autor: Rafael Ball
Kategorien: Editorial

Wer setzt KI in Chatbots ein – und wer übernimmt die Verantwortung?

Künstliche Intelligenz ist in der bibliothekarischen Debatte allgegenwärtig. Strategiepapiere, Workshops und Konferenzen widmen sich ihren Potenzialen und Risiken. Doch jenseits der Innovationsrhetorik stellt sich allen eine einfache Frage: Wer setzt KI tatsächlich ein – und unter welchen Bedingungen?

Eine Analyse in dieser Ausgabe der Library Essentials liefert eine ernüchternde Momentaufnahme (Chatbots im Auskunftsdienst wissenschaftlicher Bibliotheken, S. 8). Von 205 untersuchten wissenschaftlichen Bibliotheken betreiben lediglich 31 einen KI-gestützten Chatbot. Alle nutzen eine in China entwickelte KI. Hinweise zum Datenschutz sind nicht erkennbar, ebenso wie eine klare Kennzeichnung KI-generierter Inhalte; lediglich fünf Einrichtungen weisen explizit darauf hin.

Das ist mehr als ein technisches Detail. Es verweist auf ein strukturelles Spannungsfeld. Während die Implementierung neuer Technologien voranschreitet, hinken Transparenz, Governance und normative Rahmensetzung meist hinterher. Gerade im wissenschaftlichen Kontext sollten Datenschutzhinweise, Kennzeichnungspflichten und klare Hinweise auf Systemgrenzen selbstverständlich sein. Bibliotheken verstehen sich als Vertrauensinstitutionen – doch Vertrauen entsteht nicht durch Funktionalität, sondern durch nachvollziehbare Regeln.

Was folgt daraus für uns? Sind KI-Chatbots weniger zentral, als die Debatte suggeriert? Oder agieren Bibliotheken bewusst vorsichtig? Und was bedeutet es für digitale Souveränität, wenn zentrale Werkzeuge aus globalen Technologiezentren stammen, ohne dass ihre Einsatzbedingungen systematisch reflektiert werden?

Ein weiterer Beitrag analysiert die globale Forschung zu Generativer KI. (GenAI in der Hochschulbildung – Wer forscht weltweit zu ChatGPT und Co.?, S. 25). 128 Länder beteiligen sich an der wissenschaftlichen Literatur dazu. Die USA führen bei der Publikationszahl, doch China übertrifft sie deutlich bei der internationalen Vernetzung. Auch Länder wie Indien, Südafrika oder Katar zeigen starke Kooperationsstrukturen. Die Wissensproduktion zu KI ist multipolar – und sie verschiebt Machtachsen im globalen Informationsraum. Auch das ist ein Phänomen, das wir nicht aus den Augen verlieren sollten.

Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: KI-Systeme bestimmen zunehmend, welche Nachrichten und Informationen Menschen wahrnehmen. Wenn algorithmische Systeme zur primären Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Wissen werden, verändert sich die Rolle von Bibliotheken grundlegend. Informationskompetenz muss künftig die Logik algorithmischer Selektion einschließen: Wie entstehen Inhalte? Welche Perspektiven fehlen? Welche Interessen prägen technische Systeme? Eine Analyse gibt spannende Einblicke (Wenn die KI die Nachrichten auswählt, verändert sich die öffentliche Wahrnehmung, S. 38).

Bibliotheken stehen damit vor einer doppelten Aufgabe. Sie müssen KI nicht nur einsetzen, sondern auch ihre Bedingungen offenlegen. Nicht nur Innovation ermöglichen, sondern Vertrauen sichern.

Mit diesen Anregungen wünsche ich Ihnen einen guten Start in den Frühling 2026.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Über Rafael Ball

Rafael Ball studierte die Fächer Biologie, Slawistik und Philosophie an den Universitäten Mainz, Warschau und Smolensk. 1994 wurde er am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Mainz zum Dr. rer. nat. promoviert. Bekannt ist er für seine Ideen zur Bibliothek der Zukunft, zur Wissenschaftskommunikation und zur heutigen Rolle des gedruckten Buches. Er ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift B.I.T.online.