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Editorial 09-2025

Datum: 21. Dezember 2025
Autor: Rafael Ball
Kategorien: Editorial

Das Denken macht sich selbstständig

Wir sprechen heute über ein ganz besonderes Wortpaar: Künstliche Intelligenz (KI) und Wissenschaft haben ein ganz besonderes Verhältnis zueinander. Denn einerseits ist KI das (lang ersehnte) Ergebnis intensiver wissenschaftlicher Forschung über Jahrzehnte in der Informatik. Andererseits hilft KI in allen wissenschaftlichen Disziplinen, geschickt eingebet­tet, bei allerhand praktischen Aufgaben, etwa bei der Recherche, Organisation – und der Fokussierung sowie bei Schreibaufgaben.

Und es kommt sehr darauf an, wie diese KI in ebenjenen wissenschaftlichen Prozess ein­gebettet wird. Die anfänglichen Unterstützungsfunktionen, die in KI nur ein besseres (und automatisiertes) Sekretariat sahen, werden mehr und mehr durch anspruchsvolle und komplexe inhaltliche Integration der KI in den eigentlichen Forschungsprozess erweitert. Ob das immer zum Vorteil der Forschung ist, wird sich in Studien noch zeigen. Aktuell jedoch kommen nahezu täglich neue (kommerzielle) Angebote auf den Markt, die KI als integralen Bestandteil des Forschungsprozesses einbinden wollen und damit (große) Teile des ursprünglich intellektuellen Forschungsprozesses zu übernehmen vorgeben. Das betrifft nun weit mehr als eine automatisierte Literaturrecherche, die ja noch als Teil von Ordnungs- und Formalelementen des Forschungsprozesses angesehen werden kann. Die KI greift hingegen sehr früh zu Beginn der Überlegungen an. So werden von den Systemen selbst Forschungsfragen vorgeschlagen, das komplette zugehörige Forschungsdesign entwickelt und experimentelle Gestellungen angeboten. Physisch im Labor kann die KI noch nicht ausgreifen, basiert jedoch ein Experiment auf freien Daten aus dem Internet, kann die KI sogleich ganze Experiment durchführen und am Ende sogar noch das Paper schreiben und das Manuskript bei einem passenden Verlag einreichen. Schließlich wird die KI die zugehörigen Forschungsdaten beim Forschungsdatenrepositorium der Bibliothek ablegen. Wer es also darauf anlegt, kann ein KI-gestütztes „Forschungsprojekt“ vom Anfang bis zum Ende in wenigen Stunden erledigen.

Ob man das nun für (intellektuellen und wissenschaftlichen) Unfug hält oder nicht, solche „KI-Forschungsprojekte“ werden zweifellos entstehen und resultierende wissenschaftli­che Beiträge bei Verlagen eingereicht werden. Damit hat die Dimension der Paper Mills eine weitere Stufe erreicht. Es ist nicht nur ein Shortcut von Wissenschaft, die damit den Menschen einfach umgeht, es ist die wissenschaftliche und intellektuelle Inzucht, wenn Maschinen Wissenschaft betreiben und ihre Ergebnisse wieder für Maschinen zur Verfü­gung stellen. Ob das tatsächlich eine aufsteigende Line werden kann im Erkenntnisprozess der (KI-geleiteten) Menschheit oder sich in kurzer Zeit als Totgeburt erweist, wird sich zei­gen. Wir haben zwei Beiträge dazu in der vorliegenden Ausgabe von Library Essentials auf den Seiten 5 (Rethinking Science in the Age of AI) und 6 (Warum Antworten und Wissen nicht das Gleiche sind: Wenn KI das Lernen verändert) analysiert.
Dass eine solche Art von (inzestuöser) Wissenschaft überhaupt möglich ist, ist erschre­ckend genug und muss alle am Prozess von Wissenschaft und Forschung Beteiligten nicht nur hellhörig, sondern hellwach werden lassen, um diese Entwicklung zu identifizieren, zu begleiten und bei Bedarf abzustellen.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten und einen guten und gesunden Übergang ins Neue Jahr.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Über Rafael Ball

Rafael Ball studierte die Fächer Biologie, Slawistik und Philosophie an den Universitäten Mainz, Warschau und Smolensk. 1994 wurde er am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Mainz zum Dr. rer. nat. promoviert. Bekannt ist er für seine Ideen zur Bibliothek der Zukunft, zur Wissenschaftskommunikation und zur heutigen Rolle des gedruckten Buches. Er ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift B.I.T.online.