Heute Top, morgen Flop? Wer weiß, was die Dienstleistung der Zukunft ist?
In den Bibliotheken macht man sich große Gedanken darüber, welche zukünftigen Dienstleistungen und Angebote bei den Kunden relevant sein könnten und offeriert werden sollten. Entsprechend werden Strategie-Runden und Diskussionsgremien einberufen, Task-Forces gebildet, die Zukunftsvisionen der großen Beratungsfirmen zu Hilfe genommen und Kundengruppen eingeladen.
Dabei ist es nicht immer einfach, in die Glaskugel der Zukunft zu schauen. Was heute die innovative Dienstleistung der Zukunft zu sein scheint, ist morgen womöglich durch strukturelle, technologische oder politische Veränderungen obsolet geworden.
Wir stellen zwei dieser Zukunftsversprechen für Bibliotheken in dieser Ausgabe vor. Es geht um Bibliometrie und um Podcasts in der Wissenschaft.
Bibliometrie ist ein viel diskutiertes Thema, aber noch immer nicht in jeder Bibliothek bereits eine operative Dienstleistung. Wer die aktuelle Diskussion über das Rewarding-System der Wissenschaft verfolgt, könnte einerseits daraus schließen, Bibliometrie stelle für Bibliotheken eine gewaltige Zukunftschance dar. Die Quantifizierung von Wissenschaft ist ein Hype, praktisch überall im Wissenschaftssystem wird nach derartigen Auswertungen gefragt. Wer andererseits noch ein bisschen genauer hinhört, erkennt, dass die kritischen Stimmen zum Zählen und Bewerten in der Wissenschaft lauter werden. Ja, es scheint sogar ein bereits ausgesprochener, wenn auch noch nicht umgesetzter Konsens zu sein, dass die bisherige Zahlenfixierung weder wissenschaftsadäquat noch menschlich oder hilfreich ist. Wer diese Stimmen ernst nimmt, wird auch die Investition in bibliometrische Aktivitäten von Bibliotheken auf den Prüfstand stellen müssen. So wichtig Bibliometrie aktuell auch zu sein scheint, es wäre gefährlich, sich im großen Maße Spezialisten in die Bibliotheken zu holen, die in fünf Jahren für andere Aufgaben nicht mehr eingesetzt werden können.
Eine ähnliche, wenn auch andersgeartet Fragestellung ist das Thema Bestand und Inhalte in Bibliotheken. So lange wissenschaftliche Inhalte ausschließlich über bekannte, klar definierte und analoge Medien kommuniziert wurden, war es noch einfach: Bücher, Zeitschriften und Konferenzbände, Datenbanken in Buchform (und später als CD-ROM) und seltene Mikroformen waren die einzigen Formate bibliothekarischen Bestands. Das ist heute längst nur ein kleiner Ausschnitt der umfangreichen Medien- und Formatvielfalt in den Bibliotheken. Auch hier muss die Entscheidung getroffen werden, ob neue Formate, wie wissenschaftliche Podcasts, Teil des bibliothekarischen Bestandsaufbaus und der Archivierung sind und sein sollen. Strukturell ganz anders aber als bei der Bibliometrie, wo es um die Entscheidung über mögliche Dienstleistungsangebote geht, ist die Frage nach den wissenschaftlichen Podcasts als Teil des Bestandsmanagements. Denn wenn feststeht, dass relevante wissenschaftliche Inhalte, die für die Nachwelt und die wissenschaftliche Diskussion erschlossen, gesammelt, bereitgestellt und erhalten werden sollen, ist die Entscheidung praktisch schon gefallen. Dann werden Podcasts auch nicht mehr zur Flop-Kategorie werden können, anders als etwa die Dienstleistung Bibliometrie. Denn sollten Podcasts in Zukunft für die Wissenschaftskommunikation keine Rolle mehr spielen, dann werden sie eben nicht weiter gesammelt. Für den Zeitraum aber, in dem Podcasts relevante Formate wissenschaftlicher Inhalte waren, hat sie die Bibliothek gesichert und erschlossen. Aber sie muss natürlich die technischen und strukturellen Rahmenbedingungen dafür erst schaffen.
Beide Fragen sind grundsätzlicher Art und zeigen, wie agil und offen Bibliotheksstrategien heute sein müssen. Lesen Sie dazu die Beiträge ab Seite 22 und 27 in dieser Ausgabe der Library Essentials.
Herzlich
Ihr Rafael Ball

