Infoprofis leiden unter Informationsfettleibigkeit

Ausgabe 8/2012

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Der Begriff des Information Overload ist nicht nur im deutschsprachigen Raum ein oft und gerne benutzter Begriff, wenn es um die Informationsüberflutung unserer heutigen Informationsgesellschaft geht. Eher unbekannt ist in unseren Regionen das umfassendere Konzept der Information Obesity (IO), oder frei ins Deutsche übersetzt, die Informationsfettleibigkeit oder das Informations-Übergewicht. Unter dem Phänomen zu viel „Infoballast“ leiden aber nicht selten auch die „Masters of Information“ selbst, also Informationsspezialisten aller Art. Genauso, wie körperliches Übergewicht nicht alleine die Folge von zu vielem Essen ist, wird Information Obesity nicht ausschließlich durch Information Overload verursacht. Nachfolgend werden die Auswirkungen und Ursachen der Informationsfettleibigkeit vorgestellt sowie einige Lösungsmöglichkeiten diskutiert.

Informationsfettleibigkeit kann nach Andrew Whitworth (2009) etwa definiert werden als das Unvermögen, Information in Wissen umzuwandeln, und hat daher Auswirkungen auf unseren Geist, Körper, Leben und Gesellschaft. Ursachen der Information Obesity sind laut Whitworth:

  • Information Overload.
  • Eine Abnahme bei der Informationsqualität.
  • Fehlende Fähigkeiten, Schulungen etc. beim Informationskonsum.
  • Externer Druck, der dazu führt, dass Informationen konsumiert werden, bevor diese Informationen richtig geprüft werden können.

Erschwerend zu diesen oben genannten Faktoren kommt hinzu, dass unsere schöne, neue Online-Welt immer mehr und neue Arten von Informationen produziert. Teil davon ist auch die Informationsexplosion durch die sozialen Medien, bei der nun auch die früher passiven Informationskonsumenten selbst zu Informationsproduzenten werden. Bei den sozialen Medien führen aber nicht nur die durch die User erstellten Inhalte zu einer Informationsflut, sondern auch die einfache Möglichkeit, Informationen, z.B. durch Re-Tweets auf Twitter, beliebig oft zu vervielfältigen.

Neben diesem grundsätzlichen „Infofett“ entwickeln gerade Infoprofis noch zusätzlich berufsspezifisches Informationsübergewicht u.a. durch folgende Faktoren:

  • Beruflicher Stress und Unsicherheit, ausgelöst durch anhaltenden Druck aufgrund der Veränderungsprozesse in unserer Informationsgesellschaft oder auch wegen Budgetkürzungen innerhalb einer Informationseinrichtung.
  • Verunsicherung darüber, wie das zukünftige Berufsbild der Infoprofis aussieht und wie die daran geknüpften Erwartungen erfüllt werden können.
  • Überforderungen durch die rasanten technologischen Entwicklungen und die Furcht, mit diesen Veränderungen nicht mithalten zu können.
  • Informationsangst bzw. Informationsperfektionismus führt dazu, dass Infoprofis alle relevanten Informationen in jedem Projekt oder Auftrag finden und bereitstellen wollen.

Grundsätzlich braucht es auf Seiten der Information Professionals viel Disziplin und Konzentration auf das Wesentliche, um Informationsfettleibigkeit in den Griff zu kriegen. Bevor wir unseren Benutzern helfen können, die gewünschten Informationen in verdaulichen Mengen zu beschaffen, müssen wir selbst dafür sorgen, dass wir allen möglichen Informationsballast loswerden. Nachfolgend werden zwei Lösungsansätze vorgestellt, wie IO zu begegnen ist:

1. Der praktische Ansatz

Bei diesem mehr auf den praktischen Arbeitsalltag bezogenen Vorgehen werden schnell umsetzbare Techniken eingesetzt. Dazu zählt etwa:

  • Die bewusste Verwaltung der eigenen Aufmerksamkeitsspanne, d.h. unseren allgegenwärtigen Informationskonsum reduzieren, indem man sich gewisse Auszeiten von E-Mails, Meetings oder auch Telefonaten nimmt. Eine einfache Maßnahme in diesem Sinn ist es z.B., nicht alle fünf Minuten sein E-Mail-Postfach auf neue Nachrichten zu überprüfen.
  • Die Streichung von gewissen Informationsangeboten wie Mailinglisten, Newsletter oder RSS-Feeds. Weniger ist mehr, das gilt auch hier.
  • Die Nutzung von Tools zum persönlichen Informationsmanagement, um effizienter und zielgerichteter zu arbeiten.
  • Weniger Informationen sammeln und stattdessen die Inhalte nur überfliegen (scannen).
  • Gefundene Inhalte und Informationen nicht einfach kopieren und aufbewahren, sondern ihnen durch zusätzliche Angaben einen Mehrwert geben. Sich also selbst fragen, wieso ist gerade dieses Stück Information für einen Auftrag oder ein Projekt relevant? Konsequent durchgeführt, führt dies zu einer Trennung von wichtigen und unbedeutenden Informationen. Ergebnis sind schlussendlich die qualitativ hochwertigen Informationen, die wir selbst und der Kunde suchen und benötigen.
  • Die Kommunikation mit Kollegen, um Ansichten und Gedanken miteinander auszutauschen. Nur wer sich, wie es Wissenschaftler tun, Fragen stellt und diese mit anderen diskutiert, wird Information in Wissen verwandeln können.

2. Der philosophische Weg

Auch wenn die oben genannten praktischen Tipps für weniger Informationsballast sehr nützlich sind, so ist der Autor der Meinung, dass eine nachhaltige Lösung dieses Problems nur mit einem mehr philosophischen Ansatz möglich ist. Vorgeschlagen werden in diesem Artikel folgende Grundsätze, an die man sich als Infoprofi halten sollte:

  • Bewusster Nachrichtenverzicht.
  • Das Konsumieren vollständiger Gedankengänge bzw. Überlegungen, wie man sie in Büchern, Musik, Interviews etc. findet.
  • Selbst kreativ sein und neue Dinge erstellen.
  • Einen Tag in der Woche frei nehmen und nur das tun, was man will.

Dieser 2. Ansatz soll für die nötige geistige Freiheit und Frische sowie für Kreativität sorgen, die mit dem ersten, mehr praktischen Ansatz nicht dauerhaft zu erreichen ist. Insgesamt plädiert der Autor analog zur Slow Food-Bewegung auf eine Slow Information-Bewegung. In Zeiten der kontinuierlichen Beschleunigung unseres Alltags ist etwas Entschleunigung bei der Informationsarbeit und beim Informationskonsum sicher sehr empfehlenswert. Die Umsetzung dieser Ansätze, im Besonderen die des philosophischen Wegs, dürften sich in der Realität nur mit eiserner Disziplin, Ausdauer und einer persönlichen Bewusstseinsveränderung umsetzen lassen.

Der vorliegende Beitrag zeigt auf, dass nicht nur der durchschnittliche Informationskonsument unter zu vielen Informationen leidet, sondern nicht selten auch Information Professionals. Es ist also höchste Zeit für Informationsspezialisten, sich und ihre Kunden auf „Diät“ zu setzen und die Informationsmengen und den Informationskonsum zu reduzieren. Die Vorteile eines bewussteren Umgangs mit den verfügbaren Informationsmengen sind offensichtlich. Ein anhaltendes Wachstum der zirkulierenden Informationsmenge und steigender Informationskonsum führen zur Überforderung der individuellen Informationsverarbeitung und damit schlussendlich zu mehr Stress und beruflicher Überforderung..

Quelle: Brown, Scott: „Coping with information obesity: A diet for information professionals“; in: Business Information Review, 2012, Vol. 29, No. 3, 168-173

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