Editorial 9-2017

Messen – aber richtig!

Um Unternehmen und andere Organisationen richtig steuern zu können, brauchen Entscheidungsträger Kennzahlen, Zielvorgaben und Steuergrößen.

Das gilt im kommerziellen Bereich genauso wie in Not-for-Profit-Segmenten und damit auch für Bibliotheken. Deshalb werden auch in Bibliotheken und anderen Informationseinrichtungen schon seit vielen Jahrzehnten Kennzahlen erhoben. Doch sind diese womöglich heute nicht mehr wirklich sinnvoll, anwendbar und gültig. Aber auch schon vor 30 Jahren hatte man in Ermangelung von Steuergrößen und quantitativen Zahlensets versucht, die Kennzahlensysteme aus der Industrie zu kopieren und auf Bibliotheken anwendbar zu machen. Es ist im Jahr 2017 müßig, darüber nachzudenken, wie erfolgreich und sinnvoll eine solche Adaptierung war und es ist allenfalls ein historisches Studentenprojekt wert, sich das genauer anzusehen. Denn wer heute Verantwortung für Bibliotheken und Informationseinrichtungen trägt, braucht Kennzahlen und Steuergrößen, die der digitalen Welt des 21. Jahrhunderts entsprechen. Zahlen zum Bestand der Medien, ihrer Nutzung, Raumgrößen und Öffnungszeiten sind heute kaum mehr als eine Basisinformation. Den Kunden im Blick und den Nutzennachweis, den die Dienstleistungen und Produkte der Bibliotheken bringen, im Hinterkopf, geht es heute viel mehr um Kosten- / Nutzenstrukturen, Deckungsbeiträge und die qualitativen Services sowie deren Kundennutzen. Auch Fragen der Marktdurchdringung (ja, es gibt tatsächlich einen Markt, auf dem die Dienste und Produkte der Bibliotheken im Wettbewerb mit dem Angebot von Konkurrenten stehen, auch wenn dieser Markt besonders kompliziert ist), der Kenngröße Time-to-Market und die Analyse der Produktlebenszyklen sind hilfreiche Messgrößen, um die richtigen Managemententscheidungen treffen zu können. Wir analysieren in der vorliegenden Ausgabe eine Studie zu genau diesen Fragestellungen (Measures of Change in Academic Library Behavior, ab Seite 4) und geben Tipps, welche Kennzahlen denn heute in Bibliotheken sinnvoll sind.

Dass wir dabei viele Daten erheben müssen und in unsere Kennzahlensystematik zu integrieren haben, liegt auf der Hand. Häufig allerdings ergeben gerade die Kundendaten, die wir erheben, ein nicht wirklich befriedigendes Bild. Denn oft suggerieren Umfragen bei den Kunden der Bibliotheken ein ganz anderes Bild, als es der tatsächlichen Nutzung in der Realität entspricht. So etwa geben Studierende – als Hauptnutzer der klassischen Lesesäle – sehr oft den Wunsch nach digitalen Ausgaben der Lehrbücher zu Protokoll und bekunden kaum Interesse an der Freihandliteratur im Regal. Befragt man jedoch die Dozenten und Professoren – also jene Gruppe, die die Lesesäle immer weniger betritt – fordern sie die freie Zugänglichkeit zur Literatur in den Bibliotheken am besten 365/24/7.

Ein derartiges „Umfrageparadoxon“ kann man am besten lösen, indem man permanent und automatisiert Daten zu Besuch und Nutzung der Bibliotheksdienste und -produkte durch Sensoren erhebt. Dann wird schnell klar, ob nur der Wunsch Vater der Umfrageäußerungen war, oder ob es auch der tatsächlichen Nutzung entspricht.

Big-Data-Technologie kann hierbei helfen, anonymisiert und datenschutzrechtlich bedenkenlos jene richtigen Aussagen zu erhalten und Muster zu erkennen, die die Optimierung von Bibliotheken und ihrer Dienste und Produkte wirklich ermöglichen.

Im Namen der Redaktion, Herstellung und des Vertriebs von Library Essentials wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Jahr 2018.

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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