Editorial 7-2018

Alter Wein in neuen Schläuchen – Marketing in Bibliotheken?

Das klingt doch nach einem sehr alten Thema und gleicht altem Wein in neuen Schläuchen, oder? Denn schon sehr bald nachdem Öffentliche Bibliotheken das Thema Marketing nicht nur für sich entdeckt, sondern es ebenso professionell umgesetzt hatten, begannen auch Wissenschaftliche Bibliotheken sich dieses Themas anzunehmen. Doch über welches Marketing reden wir eigentlich? Das ist hier die entscheidende Frage, denn das Verständnis von Marketing bei Nicht-Marketingfachleuten ist häufig ein sehr enges und einseitiges. Meist wird unter Marketing „nur“ die Öffentlichkeitsarbeit verstanden: das Gestalten von Werbemitteln, Plakaten und Flyern, in der digitalen Zeit die Webauftritte und vielleicht noch die Bedienung von Social Media. Das alles ist aber nur ein Teilbereich von Marketing. Selbst in der von uns referierten Studie zum Thema „Effektive Marketingaktivitäten für Bibliotheken“ (Seite 4-8) bleibt das Marketingverständnis im Wesentlichen auf Öffentlichkeitsarbeit beschränkt. Das ist allerdings zu wenig. Bibliotheken, ob Öffentliche oder Wissenschaftliche, sind gut beraten, sich auf ein integriertes und umfassendes Marketing einzulassen. Denn das umfasst dann die Bereiche Kunden, Markt, Produkte und bei Bedarf auch Preise. Die Einführung eines solchen integrierten Marketingansatzes ist eine Herausforderung, bietet aber auch ganz andere Chancen. Damit besteht die Chance, die Produkte und Services der Bibliotheken noch besser zu machen, an den tatsächIichen (und nicht nur vermuteten) Kunden und Markt anzupassen und damit ein professionelles Business Development zu fahren.

Eine ganz andere – nicht minder geringe – Herausforderung stellt der aktuelle Publikationsmarkt für Bibliotheken dar. Die Transformation des Veröffentlichens, die Fragestellung nach den richtigen Business Models für Open-Access-Journale und -Bücher, politische Interventionen in Wissenschaft und Bibliothek, all das muss nicht nur konzeptionell verstanden, sondern auch operationalisiert werden. Nun geht eine Studie (S. 15) sogar noch weiter und stellt die Sinnhaftigkeit des aktuell üblichen Peer-Review-Verfahrens infrage: Fast 70 Millionen Stunden jährlich verbringen Wissenschaftler weltweit mit dem Schreiben von Peer Reviews, eine geografische schiefe Verteilung der Peer Reviewer wird festgestellt, teilweise gravierende Unterschiede in Umfang und Qualität der einzelnen Reviews – alles Phänomene und Konsequenzen einer Massenwissenschaft und sicher auch Teil des Problems der aktuellen Publikationskrise. Vielleicht ist es zu viel auf einmal, was man angehen will bei den Systemveränderungen, womöglich aber kommt man gar nicht umhin, für gute Lösungen jetzt einmal jeden Stein umzudrehen und zu schauen, was man besser machen kann.

Wir wollen auch zu diesen Diskussionen samt ihren Lösungen beitragen und versorgen Sie 10 Mal im Jahr mit den Essentials aus der Bibliotheks- und Informationswelt.

Ich wünsche Ihnen eine gute Lektüre.

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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