Editorial 6-2019

Neue Männer braucht das Land – und auch neue Frauen: Aber wenn möglich bitte digital!

Der Rat für Informationsinfrastrukturen (RfII) ist eine wichtige Institution für die deutsche Wissenschaft. Er berät als Sachverständigengremium Politik und Wissenschaft in Bund und Ländern in strategischen Zukunftsfragen der digitalen Wissenschaft. Jetzt geht der Rat in die Offensive. Bereits 2016 hatte er in einer Broschüre „Leistung aus Vielfalt“ auf den Bedarf neuer Berufskompetenzen im Datenmanagement hingewiesen. Jetzt legt er nach und verweist in seiner Schrift „Digitale Kompetenzen – dringend gesucht. Empfehlungen zu Berufs- und Ausbildungsperspektiven für den Arbeitsmarkt Wissenschaft“ (unser Beitrag ab Seite 22) auf die massiven Veränderungen in Wissenschaft und Infrastruktur durch die Digitalisierung. Dabei konstatiert der Rat als Problem für die digitale Wissenschaft einen Fachkräftemangel in der Informatik. Data Scientists, Data Librarians, Research Software Engineers und viele andere Berufe sollen dabei helfen, die Wissenschaft umfassend in die digitale Welt zu befördern. Soweit ist das eigentlich noch nicht wirklich etwas Neues. Interessant wird es aber, wenn es um das Verhältnis von Infrastruktur und Forschung geht. Hier sieht der RfII eine eindeutige Tendenz, dass diese ehemals klassische Trennung in der digitalen Welt nicht mehr existiert. Forschung, Wissenschaft und Infrastruktur laufen in vielen Bereichen bereits zusammen, sie werden zwar nicht ununterscheidbar, aber sie begegnen sich auf Augenhöhe. In der digitalen Welt sind die Zeiten vorbei, als die Bibliothek sich um Bücher, Bilder und Daten gekümmert hat und die Wissenschaft um die Bearbeitung der Inhalte. Diese noch heute vorhandene Trennung funktioniere nicht mehr in der digitalen Welt der Wissenschaft und Forschung. Durchlässigkeit, Verzahnung und Kollaboration seien das Gebot der (digitalen) Stunde. Datenwissenschaftler etwa bräuchten eine Anbindung an die jeweilige Disziplin und deren Inhalte, Datenlaboratorien sollten als gemeinsame Einrichtungen von Wissenschaft und Infrastruktur Grenzen überwinden, Forschungsdatenmanager „forschen“ aktiv mit und publizieren. Der RfII spricht gar von einer Verwissenschaftlichung der Infrastrukturaufgaben. Damit dürfte es auch mit der Vorstellung endgültig vorbei sein, wissenschaftliche Bibliotheken gehörten in den Universitäten zu den Bereichen klassischer Infrastrukturdienste wie Strom, Wasser, Bau und Telefon. Damit das aber alles realisiert werden kann, reicht es nicht mehr aus, hier Wissenschaftler/-innen und dort Bibliothekare/-innen anzustellen. „Bridging the gap“ meint deshalb viel mehr als die fruchtbare Zusammenarbeit von Bibliothek, Forschung und Wissenschaft, sie meint die Durchdringung beider Sphären als immanente Bestandteile ein und derselben Idee: Erkenntnis zu generieren, Wissen zu schaffen und Weisheit aufzubauen. Endlich wurde das einmal so klar formuliert. Dem Rat sei Dank für diese deutlichen Worte.

Viel Freude und Anregung bei der Lektüre unserer vorliegenden Ausgabe der Library Essentials mit vielen weiteren Highlight-Themen!
Herzlich
Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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