Editorial 6-2016

Back to the roots!

Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass Eugene Garfield in seinem Institute of Scientific Information (ISI), das er nur widerwillig geründet hatte, weil amerikanische staatliche Förderstellen sein Projekt der Quantifizierung des Wissenschaftsoutputs nicht unterstützen wollten, den Journal Impact Factor ins Leben rief. Mit diesem Indikator wollte er ein Maß entwickeln, dass die Aktualität einerseits und die Bedeutung der jeweiligen Zeitschrift und ihrer Beiträge andererseits ermittelte und bewertete. Heute ist der Journal Impact Factor noch immer ein zentraler Indikator, den sich Institutionen, aber auch Einzelpersonen als Ausweis ihrer wissenschaftlichen Qualifikation gerne an die Brust heften: Völlig zu Unrecht, wie wir wissen, denn der Journal Impact Factor ist ein Maß für die Wahrnehmung von Artikeln in Zeitschriften, aber niemals ein Indikator für Personen oder Organisationen.

Denn genau so hatte Eugene Garfield seinen Indikator auch angelegt: er sollte Bibliothekarinnen und Bibliothekaren helfen, die richtige Auswahl an Zeitschriften zu treffen und nur solche Journale im Bestand zu halten, die einen hohen Journal Impact Factor aufweisen und damit besonders wichtige und häufig wahrgenommene wissenschaftliche Erkenntnisse verbreiten. Denn – ganz nebenbei bemerkt – auch in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts reichten die Bibliotheketats nicht aus, um alle Zeitschriften einer Disziplin zu kaufen. (Die Knappheit der Bibliotheksbudgets ist also keineswegs ein Phänomen des 21. Jahrhunderts). Dass Garfield bei der Entwicklung des Journal Impact Factors tatsächlich nicht an die Bewertung von Personen und ihrer wissenschaftlichen Leistung dachte, zeigt die Zufälligkeit, wie Garfield seinen Indikator berechnete: Der Journal Impact Factor einer Zeitschrift des aktuellen Jahres berechnet sich noch heute aus dem Verhältnis der Anzahl der Zitierungen im aktuellen Jahr zur Summe aller Artikel in dieser Zeitschrift der zurückliegenden zwei Jahre. Viele Wissenschaftshistoriker haben sich den Kopf zerbrochen, warum gerade die zurückliegen zwei Jahre gewählt wurden: Heute wissen wir, dass dies reiner Zufall war, denn Garfield hatte bei den auszuwertenden Zeitschriften weiter zurückliegende Jahrgänge einfach nicht zur Verfügung.

Aber trotz Garfields guten Absichten, mit dem Journal Impact Factor ein Zeitschriftenmaß für das bibliothekarische Bestandsmanagement zu schaffen, und trotz seiner Warnungen und Mahnungen bis in die Gegenwart hinein wurde dieser Indikator schnell von Bibliometrikern und Wissenschaftlern als Leistungsmaß für Personen und Institutionen okkupiert. Nahezu niemand mehr kam auf die Idee, den Journal Impact Factor als belastbaren Indikator für das Bestandsmanagement in Bibliotheken einzusetzen. Nur in den letzten Jahren haben einige wissenschaftliche Bibliotheken mit dem Journal Impact Factor experimentiert, ohne ihn jedoch als wirkliches Entscheidungsmaß für die Bestandspflege einzusetzen.

Gerade aber in der aktuellen Situation der großen Unübersichtlichkeit im Zeitschriftenmarkt und bei der großen Kakophonie der Stakeholder im Publikationssystem tut ein objektiver Indikator Not. Er kann helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen und überteuerte Zeitschriften etablierter Großverlage genauso zu entlarven wie hochgelobte Self-Made-OA Journals.

Wenn wir Bibliometrie in diesem Sinne wieder für das Qualitätsmanagement von Bibliotheksbeständen einsetzen, haben wir nicht nur Eugene Garfield einen Gefallen getan, sondern der Bibliometrie einen zusätzlichen Nutzen verschafft: Back to the roots also, dahin, wo Eugene Garfield seinen Journal Impact Factor vor mehr als 50 Jahren sehen wollte.

Und genau darüber berichtet unser Beitrag aus den College & Research Libraries ab Seite 11 ????

Viel Freude dabei!

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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