Editorial 5-2016

Technische Singularität und das Bundesverfassungsgericht

Wenn neue Technologien auf den Markt kommen, sind die meisten Bibliotheken nicht nur interessiert, sie probieren auch das ein oder andere aus und integrieren sie in ausgewählte Anwendungen und Projekte. Wenn aber Revolutionen ausgerufen werden, sind die meisten Bibliotheken vorsichtig bis skeptisch. Das ist prinzipiell auch nicht verkehrt, hat sich doch manch eine (technische) Revolution als  grosser Bluff entlarvt oder aber als reine Phantasterei. Schwieriger wird die ganze Geschichte nur dann, wenn neue Technologien und Revolutionen die Zukunft der Bibliotheken in Frage zu stellen scheinen. Dann spätestens wird es Zeit, sich diese Dinge näher anzuschauen und eine belastbare Meinung dazu aufzubauen.

Eine solche, von vielen Menschen noch weit weg oder gar im Reich des Science Fiction verortete Idee ist die der Technischen Singularität. Technische Singularität bezeichnet alle Konzepte, die zu einem Zeitpunkt spielen, wenn Maschinen intelligenter sein werden als Menschen – mit all den Konsequenzen.

Was das für Bibliotheken bedeutet und ihre Dienstleistungen, diskutieren wir im Beitrag ab Seite 8.

Ob Bibliotheken also in der Technischen Singularität noch eine Rolle spielen werden, ist aktuell vielleicht noch eine Zukunftsfrage und noch so weit entfernt, dass man noch nicht über sie nachdenken muss. Tatsächlich jedoch realisieren Bibliotheken bereits jetzt Leistungen, die durch den Einsatz von Maschinen Ergebnisse intelligenter machen als durch menschliches Nachdenken.

Wer etwa durch die Kombination (frei) verfügbarer Daten Erkenntnisse generiert und Muster sichtbar macht, die durch intellektuelle Durchdringung nicht erreicht worden wären, hat bereits einen Beitrag zur Maschinenintelligenz geliefert. Und das ist erst der Anfang.

Die Verwendung von digitalisierten und digital-born Materialien und Daten für eine Neukombination des Wissens ist im vollen Gange. Die bisherigen Mechanismen der klassischen Rezeption von Geschriebenem und die Zitierung bei Wiederverwendung sowie die Inkorporation in neue Wissensbausteine könnten vor ihrem Ende stehen.

Wieder einmal geht die Kunst – und hier speziell die Musik und ihr Werkverständnis – ein Stück voraus: Gerade eben erst hat das Bundesverfassungsgericht die erlaubnisfreie Verwendung von Samples zur künstlerischen Gestaltung zugelassen und sieht darin nicht mehr länger einen Eingriff in die Urheber- und Leistungsschutzrechte. Die digitale Welt erlaubt eben die Neuzusammensetzung von Inhalten und die Schaffung von neuen Mustern ohne aufwändiges „Abschreiben“ und Zitieren.

Auch und gerade in der Wissenschaft kann die digitale Neukombination Sinn stiften, und die Inhalte bisheriger Erkenntnisbruchstücke bringen Einsichten, die so bislang nicht möglich waren. Es bleibt die Hoffnung, dass auch dies künftig nicht mehr verboten sein wird  und damit die Wissenschaft ein grosses Stück Freiheit dazugewinnt.

Und daran zeigt sich ganz nebenbei, wohin die Reise von Open Science wirklich geht: Nämlich weit hinaus über verkrampfte Open Access Diskussionen, wo mit buchhalterischer Kleinlichkeit Verträge und Lizenzen durchforstet werden, Formalisten unerträgliche Excel-Tabellen zusammenschreiben und dies als Transformation des Publikationswesens verkauft wird.

Die Reise von Open Science führt in die helle Zukunft wirklich freier Wissenschaft, deren Resultate frei verfügbar sind und wo das Veröffentlichen und Rezipieren nicht mehr Handelsprodukte zur Maximierung von Unternehmensgewinnen sein werden. Und diese Zukunft ist weit näher als die Technische Singularität.

 

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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