Editorial 1-2017

Mythos Digital Natives?

Bibliotheken gelten als Institutionen für die „Ewigkeit“. So bewahren sie nicht nur leicht Vergängliches auf für ferne Zeiten, sondern sie stellen auch die verschiedensten Medien aus fernen Zeiten in allen möglichen Formaten zur Verfügung. Zwar sind die Medien vergangener Tage noch meist an ihre ursprüngliche Materialität gebunden, aber heute ist es – zumindest selektiv – möglich, die Medien aus ihrer analogen Form in die Digitalität des 21. Jahrhunderts zu überführen. Aber noch immer stellt die Darbietung analoger Medien in der virtuellen Welt eine Herausforderung dar.

Dabei bedienen Bibliotheken heute Kunden aus gar nicht so fernen Zeiten, ja meist sind diese sogar aus der jüngsten Gegenwart: Denn sowohl in öffentlichen Bibliotheken als auch in wissenschaftlichen Bibliotheken gehört die Mehrzahl der Nutzerinnen und Nutzer der Generation Y an oder aber bereits der Generation Z. Diese jungen Leute sind zwischen 1995 und 2010 geboren und verhalten sich noch deutlich anders (und offener) als die Generation Y. Sie sind die sogenannten Neuen Digital Natives. Mehrere Studien untersuchen das Verhalten und die Besonderheiten der Generationen Y und Z und wir berichten in den Library Essentials ab 22 über dieses Phänomen.

Dabei wird deutlich, dass solche jungen Leute (und sie sind die Nutzer der Zukunft in Hochschulbibliotheken) zum Beispiel keinerlei Vorbehalte haben gegenüber Robotik und dem Einsatz von Drohnen. Sie kennen auch keine Berührungsängste bei der Nutzung von Hologrammen und halten virtuelle Treffen und Kontakte für größtenteils ausreichend. Auch die Akzeptanz von Augmented Reality ist überaus verbreitet, für sie ist das Internet der Dinge keine Zukunftsmusik mehr und zentrale Faktoren für die Beurteilung, Bedienung und Nutzung elektronischer Geräte sind Schnelligkeit und Einfachheit, sowie die unmittelbare Steuerung über Sprache und Gesten. Für die Generation Z sind Eingabesysteme wie Tastatur und Maus ein Auslaufmodell.

Was uns an dieser Stelle besonders auffallen muss, ist der Wunsch nach einfachem und direktem Zugang zu Informationen. Noch arbeiten viele Bibliotheken mit hoch entwickelten Schnittstellen, komplexen Suchsystemen und elaborierten Systematiken und Indices. Dafür werden nicht nur hohe Summen an entsprechende Softwarefirmen gezahlt, sondern auch Unmengen an Personenjahren investiert. Noch immer gelten simple Lösungen als dilettantisch und unprofessionell oder gar als „unbibliothekarisch“.

Wenn aber gleichzeitig an einer großen Hochschulbibliothek 96 % aller Suchanfragen im Suchsystem der Bibliothekwebsite aus einem Wort bestehen, zeigt sich, was die Generationen Y und Z wirklich wollen und worauf sich Bibliotheken einstellen müssen: Das Zauberwort heißt KISS: Keep it Simpel and Stupid. Das meint keineswegs schludrig und dumm, sondern schlank und smart.

Denn der Gegensatz von KISS heißt in Bibliotheken überbordende Funktionalitäten, Sonderregeln, dicke IT-Systeme und haufenweise Sonderanpassungen an die heiß geliebten Geschäftsgänge.

Doch diese Terminologie und ihre Folgen mögen die Kunden von morgen schon gar nicht mehr. Und Verständnis dafür haben sie auch nicht.

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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