Editorial 03-2013

Ausgabe 03/2013

Noch eine Sensation?

Nahezu unbemerkt, liebe Leserinnen und Leser, aber für uns Bibliotheken vielleicht die Sensation der nächsten Jahrzehnte, haben britische Forscher ein Speichermedium entwickelt, das alle unsere Speichersorgen in Luft auflösen könnte. Dabei geht es nicht um Festplatten oder Magnetbänder, sondern um das älteste Speichermedium der Welt, die DNA. Jene organische Verbindung, in der die Gene aller Lebewesen codiert über Jahrmillionen weitergegeben und in Lebewesen umgesetzt werden, könnte das Speichermedium der Zukunft sein.

Erstmals ist es gelungen, in jener chemischen Codierung der DNS- Bausteine Texte, Video- und Audio-Dateien zu verschlüsseln und – in einem anderen Kontinent – wieder abrufbar zu machen. Die Menge des Speichermaterials war dabei verschwindend klein und kaum sichtbar für das menschliche Auge. Mit Sequenzierern, das sind Maschinen, die inzwischen zum Schnäppchenpreis auf dem Markt zur Verfügung stehen, werden die Daten ein- und ausgelesen.

DNA-Speicher sind wartungsfrei, brauchen weder Strom noch Kühlung und überdauern auch einmal einige Hunderttausend Jahre ohne Informationsverluste. Himmlische Vorstellungen für jedes Langzeitarchiv! Bei Raumtemperatur gelagert, wird dann aus einem kleinen DNA Regal schnell eine riesige Staatsbibliothek…

Wir berichten in dieser Ausgabe wieder ausführlich über die Anwendung und Bedeutung von sozialen Medien, so etwa in den Beiträgen „Soziale Netzwerktools für wissenschaftliche Bibliotheken“, „Soziale Medien fördern Wissensaustausch in Unternehmen“ oder „Deutsche Konsumenten vertrauen beim Einkaufen auf soziale Medien“.

Auch Wissenschaftler setzen verstärkt auf Austausch und Kommunikation durch soziale Medien, etwa mit Hilfe des (kostenlosen) Netzwerks Mendeley. Millionen von Wissenschaftlern speichern ihre Dokumente dort ab und teilen sie, sie bilden neue (virtuelle) Arbeitsgruppen und finden Partner mit ähnlichen Forschungsanliegen.

Vor wenigen Tagen wurde es dann Gewissheit: Der Verlag Elsevier hat die Plattform Mendeley für 60-100 Millionen USD übernommen.

Man kann solche Deals verstehen, und die meisten Menschen würden in der Position von Elsevier  genauso handeln. Wenn man eine so gut gefüllte Kriegskasse hat, kauft man die (potenzielle) Konkurrenz einfach vom Markt. Wirtschaftlich stimmig, strategisch sinnvoll und der Preis spielt bei strategischen Entscheidungen nicht wirklich eine Rolle.

Für die Wissenschaft aber ist das ein weiterer Beweis für Kapitalismus und Monopolisierung. Dieser Deal wird die Vorbehalte der Wissenschaftler gegenüber allem Kommerziellen weiter vergrößern. Er wird aber auch (alte) Bedenken gegenüber sozialen Medien, neuen WEB 2.0-Angeboten und der gesamten Open-Science-Bewegung schüren. Dieser Deal wird leider auch die Polarisierung zwischen der "öffentlichen Wissenschaft“ und ihren Anhängern und der vermuteten "gewinnsüchtigen" Privatwirtschaft weiter zuspitzen.

Auflösen kann man diesen Widerspruch nicht, denn wirtschaftlich-strategisch ist diese Übernahme sinnvoll. Ob sie klug war, ist eine andere Frage…

Herzlich

Ihr R. Ball

 

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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