Editorial 8-2018

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Die Transformation der Wissenschaftskommunikation und des Publikationssystems nimmt allmählich konkrete Formen an. Nicht nur, dass in einigen Ländern bereits Verträge zu „Read and Publish“ abgeschlossen worden sind (deren Konditionen man allerdings besser nicht genauer ansehen sollte, weil sie die Idee des preiswerteren Zugangs zu Information und Literatur geradezu ad absurdum führen), sondern langsam wird klar, welche Konsequenzen die Wünsche nach einer neuen Form des Publizierens haben, und auch, welche Ursachen zu der mit Recht beklagten Unwucht im System geführt haben.

Die erste Erkenntnis ist die Tatsache, dass die neuen Verträge allesamt teurer werden als die bisherigen vergleichsweise simplen Vereinbarungen über Lizenzen und Abonnements. Denn „Read and Publish“ ist nun einmal teurer als „Read“. Das macht die Hoffnungen all jener zunichte, die von einer kostengünstigeren Literatur- und Informationsversorgung geträumt haben. Und deren Postulat es war, dass die Kosten des Umstiegs höchstens genauso groß sein dürften wie die Kosten im bisherigen Modell. All das ist offensichtlich nicht zu halten. Sobald die Ideen der neuen Business-Modelle konkrete Preisschilder erhalten und Lizenzverhandlungen zu knallharten Wirtschaftskriegen werden, wird klar, dass das Ganze weder ein akademisches Spiel im luftleeren Raum ideeller Gesellschaftskritik noch ein beliebig wiederholbares Experiment im Labor ist, wie einige Protagonisten sich das ausgemalt zu haben scheinen. Hier wird nichts Geringeres als die Zukunft eines funktionierenden und notwendigen Verlagssystems zur Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnis verhandelt.

Zum zweiten aber setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass eine Kostenreduktion im wissenschaftlichen Publikationswesen nicht dadurch erreicht werden kann, dass man immer mehr Veröffentlichungen produzieren (lässt) und die akademische Karriereleiter noch immer ausschließlich über die Anzahl der Veröffentlichungen und ihren gemessenen und nachgewiesenen Impact führt. Der Publication Race auf der einen und die bedingungslose Abhängigkeit von Metriken auf der anderen Seite werden allmählich, wenn auch nur ganz langsam, von den beteiligten Wissenschaftlern als die eigentliche Ursache der Preissteigerungen und Abhängigkeiten im Publikationsmarkt erkannt. Nur wenn diese Ursachen nachhaltig abgestellt werden und sich belastbare Alternativen etabliert haben, wird es Bewegung auch bei der Frage nach Kosten und Umsatz geben können. Die üblichen Kurzschlüsse sind purer Aktionismus. Sie lösen keine Probleme, sondern schaffen neue.

In den vorliegenden Ausgabe der Library Essentials haben wir das Thema ResearchGate beleuchtet und referieren einen Beitrag, der zeigt, dass auch die alternativen Metriken wenig hilfreich sind, wenn sie nicht transparent, sondern als „Betriebsgeheimnis“ des jeweiligen Systems geführt werden. Wissenschaftler schätzen den (legalen) Austausch von Inhalten und Kontakten untereinander und verbringen weit weniger Zeit mit dem Scientific Social Network als andere mit Facebook und Co. Das beruhigt und zeigt zugleich, dass es hier (noch) keine Abhängigkeit von einem einzigen System und seinen Metriken gibt.

Wir informieren in diesem Heft aber auch über weitere, hochaktuelle Trends zu den einschlägigen Themen wie den globalen STM Publikationsmarkt, Blockchain für Information Professionals oder eine Analyse der Strategien großer führender Bibliotheken.

Es lohnt sich also wieder, unsere kontrovers diskutierten und wichtigen Themen der Branche anzusehen, damit Sie auch künftig nicht nur mitdiskutieren können, sondern gut informiert Teil des Gestaltungsprozesses werden können.

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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