Editorial 4-2020

Vielfalt statt Einfalt

Das oben genannte Motto ist zwar schon ein wenig angestaubt und in seiner Grundaussage auch bisweilen banal, aber richtig gewendet immer wieder gut für ein paar Anregungen. Diesmal als Hinweis darauf, dass die Marktkonzentration in der Verlagswelt nicht nur ein Dorn im Auge all derer ist, die mit Monopolisten über Preise und Konditionen verhandeln müssen, sondern auch ein wichtiger Treiber für die Entstehung der Open-Access-Bewegung war. Gerade im STM-Segment waren und sind es eine Handvoll großer Marktplayer, die sich das Gros der Umsätze teilen, gefolgt von einem long tail kleiner und Kleinst-Verlage, die mit ihren wenigen Produkten mehr schlecht als recht über die Runden kommen, für die inhaltliche Vielfalt jedoch von größter Bedeutung sind.
Die Transformation des Publikationssystems hin zu Open Access und weg von Lizenz- und Abonnementmodellen gründet durchaus auch in dem Bestreben, Monopole aufzubrechen und Vielfalt zu ermöglichen. Eine Studie (Open Access publishers: The new players, S. 5) zeigt allerdings, dass es mit der Vielfalt in der Open-Access-Welt noch nicht so weit her ist, wie wir uns das alle gewünscht haben. Erneut teilen sich wenige große Verlage das Geschäft mit den Open-Access-Zeitschriften, während der Großteil der anderen Verlage wenig bis kaum an der Transformation partizipiert. Es liegt also noch ein weiter Weg vor uns, wenn aus den Monopolen der Lizenz- und Abowelt nicht die Open-Access-Einfalt werden soll.
Einen weiteren Anwendungsfall für unser Motto können wir täglich in den Medien lesen und hören: der Durchbruch des Digitalen als Konsequenz der Corona-Krise, die Warnungen, dass Schulen und Hochschulen noch nicht in der digitalen Welt angekommen seien und das hochgelobte Home Office für die nun endlich digitale Arbeitswelt. Nur wenige Stimmen verweisen auf die physisch-emotionale Dimension des Menschen und seiner Natur, die so ganz und gar nicht ins rein Digitale transformiert werden kann oder will. Wer täglich 8 Stunden in Zoom-Meetings verbringt, verliert dabei ganz schnell andere Fähigkeiten, die Kommunikation ignoriert alles Nonverbal-Emotionale, genau wie das Digitale alles Haptische ignoriert. Klar ist auch, dass bei digitaler Kommunikation besondere Fähigkeiten trainiert werden, andere hingegen verkümmern. Wer die Schrift nutzt, kann schlechter memorieren und wer nur noch zoomt, wird künftig schlechter mit Menschen umgehen können. Das ist auch ein Thema für Bibliotheken. Sie müssen sich entscheiden, wie viel Mensch und wie viel Technik, wie viel Realität und wie viel Virtualität sie den Kundinnen und Kunden zumuten wollen. Die Bibliothek der Zukunft braucht deshalb nicht einfach noch mehr Digitales, sondern zuerst eine Vision der digitalen Transformation.

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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