Editorial 3-2019

Stanislaw Lem und die Bibliothek

Als ich kürzlich in den Osterferien wieder einmal in einem Antiquariat stöberte, fiel mir ein kleiner Suhrkamp-Band in die Hände: Die Technologiefalle von Stanislaw Lem. Das Büchlein enthält Essays des berühmten polnischen Science-Fiction-Autors und Visionärs aus dem Jahr 2002 – lange genug her, um nicht Teil der aktuellen Debatte zu sein, aber auch nicht zu weit entfernt vom Computerzeitalter und vom Internet.

Schon beim ersten Durchblättern blieb ich bei einem Thema hängen, das uns in der Informationsbrache schon länger und noch immer brennend interessiert: Wie gehen wir um mit der immer noch exponentiell ansteigenden, riesigen Informationsmenge gerade in digitaler Form?

Und vor allem: Wie können wir diese Informationsmenge für unsere Kundinnen und Kunden so erschließen und zugänglich machen, dass eine leichte Unterscheidung zwischen relevanten und irrelevanten Informationen gelingt? Denn es ist längst nicht mehr das Problem der „sauberen“ Beschreibung und Erschließung der Daten (das machen unsere Maschinen inzwischen weitaus besser und schneller als intellektuelle Katalogisierer), sondern der eindeutigen Unterscheidung wichtiger von unwichtiger, ja sogar unrichtiger Information. Ob hier allein das Konzept der „Informationskompetenz“ greift, das im Bibliothekswesen seit 30 Jahren geradezu totgeritten wird, (wir haben dazu im vorliegenden Heft einen eigenen Beitrag), oder ob man sich zur Bewältigung dieser Massenaufgabe maschineller Hilfe bedient, ist ein gerade heute wieder heiß diskutiertes Thema.

„Im Grunde ist der Wunsch nach künstlicher Intelligenz dort am stärksten, wo der Berg dummer, unbedeutender und unwichtiger Information in exponentiellem Tempo anwächst – wie ein Himalaya aus den Strömen unseres Mülls. Eines der Leitmotive der Essayistik Lems in den letzten Jahren ist seine Kritik an der ungefilterten Information, die uns über die Computernetze attackiert und unsere Sinne annektiert“, schreibt Jerzy Jarzebski in seiner lesenswerten Einleitung zum erwähnten Suhrkamp-Band.

Auch dazu haben wir einen passenden Beitrag in den Library Essentials, der Überraschendes zur Schattenbibliothek Sci-Hub bereithält, die heute bereits über 70 Millionen gestohlener Artikel umfasst und zum freien Download anbietet: Es sind vor allem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der reicheren Länder, die Sci-Hub intensiv nutzen, obwohl sie meist auch direkten Zugriff auf die lizensierten Inhalte ihrer jeweiligen Bibliothek haben. Damit läuft nicht nur die Robin-Hood-Idee von Sci-Hub ins Leere, die noch immer von romantischen Schwärmer-Naturen unserer Branche als gültiges Argument für Illegalität ins Feld geführt wird. Viel schlimmer: die Massen-Nutzung von Sci-Hub ist eine Abstimmung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit den Füßen gegen langsame, formale und überkomplexe Systeme, die viele Bibliothekarinnen und Bibliothekare noch immer so sehr lieben. Wer lokale, regionale oder gar nationale Bibliotheks- und Suchsysteme in einem technischen oder organisatorischen Overkill an die Wand fährt, braucht sich nicht zu wundern, dass sich die Kunden scharenweise ab- und niederschwelligen Angeboten zuwenden. Wenn die Publishing-Industrie das einmal verstanden haben sollte und einen legalen und bezahlbaren „Sci-Hub“ nachbaut und anbietet, müssen sich Bibliotheken und die Betreiberin von Sci-Hub, Alexandra Elbakyan, nach anderen Aufgaben umsehen. Ihre Mission hätte sich damit wohl erfüllt….

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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