Editorial 2-2021

Bibliotheken am Scheideweg zwischen Qualität und Quantität

Über die Bedeutung und vor allem über die Zukunft von Bibliotheken wird seit Beginn der Digitalität in unserer Gesellschaft zunehmend diskutiert. Die einen betrachten Bibliotheken bereits als überflüssig und gut substituierbar durch Online-Informationsdienste im Netz, andere fordern eine Transformation der Institution Bibliothek hin zu einem Dienstleister für Wissenschaft, Forschung und Lehre. Nur ganz selten wird der Aspekt der epistemologischen Bedeutung von Wissenspotenzialen für den Vorgang der Erkenntnisschöpfung beim wissenschaftlichen Prozess in den Blick genommen und an Bibliotheken gespiegelt. Wer dies näher zu betrachten bereit ist, gerät schnell ins Schwärmen von der Institution der Bibliothek und ihren Möglichkeiten, durch alle Formate des Wissens zu führen. So gewendet können Bibliothek und Wissenschaft geradezu als komplementär betrachtet werden: Dies gilt freilich nur dann, wenn Wissenschaft der ganzheitliche Akt der Erkenntnissuche zugestanden wird: der Naturwissenschaft mit einem Erklärungsanspruch und den Geisteswissenschaften mit dem Verstehensanspruch (Wilhelm Dilthey). In der Praxis des Publish-or-Perish und des 7-Seiten-Standardartikels werden Bibliotheken hingegen obsolet.

Hier wie dort hadern wir aktuell mit der Dichotomie von Qualität und Quantität. Bibliotheken scheinen auf den ersten Blick längst die Entscheidung zugunsten der Masse gefällt zu haben: Big Deals lizensieren alles, was die Verlagsindustrie im Programm hat, Auswahl und Bewertung scheinen nicht mehr stattzufinden. Die Wissenschaft stößt Publikationen in immer größerer Menge auf den Markt und um der Tonnenideologie noch Herr zu werden, wird nachträglich mittels Bibliometrie eine qualitative Bewertung versucht. Bibliotheken häufen Daten aus verschiedensten Provenienzen an und platzieren sie zur Nutzung auf den allgegenwärtigen Plattformen.

Dabei ist der Bedarf (wenn auch noch nicht überall der Wunsch) nach Qualität größer denn je. Bibliotheken können sich überlegen, mit Big-Data-Technologien noch mehr Daten und Informationen aus ihren gedruckten Beständen zu generieren. Oder sie können sich besinnen auf die bewertende Einordung von Inhalten in einen Wissensrahmen, den sie selbst als Orientierung schaffen. Sie können ihre Ansprüche an Qualität und Werthaltigkeit über Bord werfen und sich auf dem Markt der Influencer tummeln, um likes und clicks zu sammeln. Die Bibliothek steht vor einem Scheideweg: Hier geprüfte Qualität, eingeordnet und bewertet mit Argumenten, dort die bloße Meinung, hipp und laut artikuliert. Hier kausalitätskonforme Inhalte, dort neue Datenmengen auf der Basis von bloßer Korrelation.

Zu diesem spannenden Thema, aus dem sich gerne auf einem der nächsten bibliothekarischen Veranstaltungen ein konstruktiver Disput entwickeln möge, liefern wir in dieser Ausgabe der Library Essentials Input. Sie lesen die Beiträge auf den Seiten 6, 10 und 14.

Viel Spass beim Lesen!

Herzlich,

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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