Editorial 2-2019

Think Big but Start Small

Wer heute über die Trends in Technik, aber auch Organisation und Management von Informationseinrichtungen und Bibliotheken nachdenkt, wird sich schnell eingestehen müssen, dass die Innovationszyklen geradezu rasend schnell ablaufen. Und das in einer Branche, die über Jahrhunderte, ja fast über Jahrtausende hinweg nahezu stabil geblieben war. Nach dem ersten Paradigmenwechsel der Wissenschaftskommunikation von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit vor mehr als 2000 Jahren waren Herstellung, Vertrieb und Archivierung fast 1500 Jahre unverändert.

Erst der zweite Paradigmenwechsel durch Gutenberg mit seiner Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern zur Mitte des 15. Jahrhunderts brachte zumindest bei der Produktion einen entscheidenden Fortschritt, weit weniger hingegen beim Betrieb von Bibliotheken. Auch danach blieb die Branche - überspringt man einmal die kurzen und nicht umfassenden Medienveränderungen durch Mikrofilm und Mikrofiche - rund 500 Jahre ohne Veränderungen. Gewiss, die Massenproduktion gedruckter Literatur und die zunehmende Menge an wissenschaftlichen Erkenntnissen hatte im 19. Jahrhundert Konsequenzen für Größe und Nutzungsformen (wissenschaftlicher) Bibliotheken, aber auch diese waren mehr quantitativer und weniger qualitativer Art.

Erst die umfassende Digitalisierung in Medien und Gesellschaft zu Beginn der 1990er Jahre bringen gewaltige Auswirkungen - Gefahren wie Chancen - für alle Typen von Bibliotheken und Informationseinrichtungen. Seitdem ist es mit der Ruhe in unserer Branche vorbei und wer sich gerade noch umsieht, ist mit einem neuen Trend, einer neuen Technik oder gar einer ganz anderen Technologie konfrontiert.

Die erste Website mit einem Mosaicbrowser kam 1993 auf den Markt. Nur zwanzig Jahre später greifen die Kunden über unsere Websites auf komplexe Datenbanken zu und wir ermöglichen problemlos den Download von Datenvolumina in Terabyte-Dimensionen. Keine Bibliothek betreibt noch eigene ,,Maschinen", längst sind Virtuelle Server Standard. Cloudcomputing ist die nächste Stufe. Wir erleben dabei in unseren Businessmodellen eine Economy of Shrinking: Alles wird kleiner und smarter. Der Trend ist eindeutig: Langer Text wird durch kurze E-Mails ersetzt, Chats und Twitter ziehen mit Minimalst-Kommunikation ein ins professionelle Management.

Die Wertschöpfungsketten werden gestraft: Handel ist nicht mehr erforderlich und wird durch Plattformen ersetzt.

Im Marketing waren Personas und Kundengruppen noch vor wenigen Jahren die Renner, jüngst erschien sogar ein ganzes Heft einer Bibliothekszeitschrift nur zu diesem Thema. Allerdings ist die nicht-bibliothekarische Welt da schon weiter: Systeme werden nicht mehr länger nur für die direkte Nutzung durch Menschen optimiert, sondern für die Nutzung von Maschinen. Kunden sind dann andere Computersysteme. Und dafür sind APIs und die Offenheit der Systeme notwendig. Businessmodelle sind längst keine Einbahnstraßen mehr, sondern sie ermöglichen einen gleichberechtigten In- und Output. Während viele Bibliotheken noch an einer responsiven Strategie bauen, ist sogar Mobile First schon wieder ,,out" und API First ,,in".

Denn wenn der Kunde Teil des Business- und Marketingsystems selbst wird, verkauft er am Ende das Produkt an sich selbst. Beim individuellen Autokonfigurator ist das bereits realisiert. Kein Verkäufer, weder physisch noch virtuell, fragt mehr seine Bedürfnisse ab und macht ihm einen Vorschlag für ein passendes Produkt oder ein Serviceangebot. Tesla hat darauf reagiert und schließt seine Autohäuser. Auch beim Datenmanagement träumen viele Bibliotheken von Data Science und beklagen, dass auf dem Arbeitsmarkt - zumindest für die Gehaltsklassen des Öffentlichen Dienstes - keine Data Scientists zu bekommen seien.

Für innovative Unternehmen ist Data Science schon wieder überholt - dort ist Data Engineering der neueste Trend: Daten so zu bearbeiten, verändern und aufzubereiten, dass sie einen maximalen Unternehmens- wie Kundennutzen stiften.

Haben wir diese Trends schon einmal auf Plausibilität für unsere eigenen Produkte, Dienstleistungen und Businessmodelle hin überprüft? Oder sind wir schon zufrieden, wenn wir Kundengruppen differenzieren und Linked Open Data nach definierten Standards ins Netz stellen? Welche Kunden und Maschinen lassen wir auf unsere Systeme umfassend zugreifen?

Gewiss, wir müssen nicht jedem Trend hinterherrennen, aber die Schlagzahl, die uns die Welt ,,draußen" vorgibt, ist schon verdammt hoch.

Auch hierbei kann uns der Ansatz einer ,,Economy of Shrinking" unterstützen: Nicht, dass wir weniger Etat und Ressourcen bräuchten, aber die Verschlankung unserer teils noch immer opulenten ,,Geschäftsgänge" und die viel stärkere, wirklich interaktive Einbindung all unserer Kunden (Menschen wie Maschinen) in unsere Systeme, könnte unsere Produkte und Dienstleistungen noch zeitgemäßer machen und auf sinnvolle Größen reduzieren. Und das alles, damit wir und unsere Services besser werden, nicht schlechter.

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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