Vergangenheit und Zukunft des finnischen Bibliothekssystems

Ausgabe 5/2012

check($_SERVER['REMOTE_ADDR'])){ ?>Das finnische Bibliothekssystem steht im Ruf, besonderen Wert auf Modernisierung und technologische Weiterentwicklung zu legen. Aber Bibliotheken in Finnland befinden sich, wie Informationseinrichtungen auf der ganzen Welt, auch in einer Phase der Transformation. Wie gehen die Informationseinrichtungen in Finnland mit diesem Wandel um? Ausgehend von einem geschichtlichen Rückblick auf ca. 600 Jahre dokumentiertes Bibliothekswesen in diesem skandinavischen Land wird der dort praktizierte Weg skizziert.

Die wichtigste Aufgabe von finnischen Bibliotheken ist die kostenfreie Informationsversor- gung für jeden Einwohner, unabhängig  von Einkommen oder Alter. Von daher gibt es auch in jeder der 312 Gemeinden des Landes eine Bibliothek. Außerdem kann jeder finnische Bürger auch jede Universitätsbibliothek nutzen, und sogar der Zugang zur finnischen Parlamentsbibliothek steht allen offen. Finnland hat bei einer Größe von knapp 340.000 km2  lediglich 5,2 Mio. Einwohner. Dies entspricht ca. 16 Einwohner pro km2.  Zum Vergleich:  Deutschland  hat 231 Einwohner pro km2. Die Siedlungsstruktur  ist also sehr dünn. Trotzdem sind die Finnen intensive Bibliotheksbenutzer. Fast 100 Millionen Ausleihungen,  oder 18 Artikel pro Einwohner, verzeichneten die finnischen Bibliotheken im Jahr 2010 sowie 53 Millionen Besuche (10 pro Einwohner). Nicht umsonst hat Finnland in den PISA-Studien bei der Lesekompetenz besonders gut abgeschnitten. Diese wenigen Fakten belegen bereits die Relevanz des finnischen Bibliothekswesens für die Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur dieses nordeuropäsichen Landes.

Historisch gesehen kann man die Entwicklung des finnischen Bibliothekswesens in drei Zeitabschnitte einteilen:

  • Vor dem 19. Jahrhundert
  • Die nationalistische Bewegung im 19. Jahrhundert
  • Unabhängigkeit und der Beginn des modernen, finnischen Bibliothekswesens

Der Beitrag schildert ausführlich die historische Entwicklung des finnischen Bibliothekssystems. Wir konzentrieren uns im Folgenden aber auf die neuere Geschichte der finnischen Bibliotheken. Finnland hat seit 1928 ein fortlaufend erneuertes Bibliotheksgesetz.  In den letz- ten Jahrzehnten hat Finnland begonnen, eine stark, wissensbasierte Volkswirtschaft aufzubauen. Dies findet sich auch in den neuen Änderungen des Bibliotheksgesetzes. 2003  wurde auch sehr früh ein Aktionsplan ("Library Strategy 2010“) verabschiedet, um die Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken weiter voran zu treiben. Dieser Plan schreibt vor, dass die Bibliotheken eine umfassende Rolle bei Ausbildung und Lehre innerhalb dieses Landes einnehmen. In einem weiteren Programm, dem „Library Development Program 2006–2010“, wird die Relevanz der Bibliotheken für den ländlichen Raum betont. Gerade durch die Verbindung mit der Bildungspolitik und der gesetzlichen Verankerung des Bibliothekswesens kommt den öffentlichen Bibliotheken in Finnland eine besondere Bedeutung zu.

Was kann man etwa in Deutschland aus dem Modell „Finnland“ lernen? Sicher einmal, dass Bibliotheken eine entscheidende Rolle innerhalb des Bildungssystems einnehmen sollten, und so entscheidend für einen sozial fairen und demokratischen Wissenstransfer innerhalb des Landes sein könnten. Nur eine relativ gute Internetinfrastruktur reicht keineswegs aus für die kompetente Vermittlung und Aneignung von Informationen und Wissen. Weiterhin fehlt im Gegensatz zu Finnland eine koordinierte und landesweite Planung für eine Weiterentwicklung der deutschen Bibliotheken.

Selbst in einem Land wie Finnland, wo die Akzeptanz und Integration der Bibliotheken in Gesellschaft und Kultur seines Gleichen sucht, muss anerkannt werden, dass der Markt- und Marketingmacht von führenden Internetunternehmen wie Amazon, Apple, Facebook und Google nicht beizukommen ist. Von daher muss es andere Wege geben für Bibliotheken, um sich in einer dramatisch veränderten Umwelt weiter zu behaupten. Eine Möglichkeit besteht darin, den physischen Ort einer Bibliothek stärker zu betonen und zu fördern, was gerade in Zeiten einer immer stärker fragmentierten und digitalisierten Gesellschaft im ersten Moment seltsam oder sogar rückwärts gerichtet klingt. Tatsache ist aber, dass auch unsere digitale Welt physische Treffpunkte benötigt, um Gedanken und Ideen persönlich austauschen zu können. Zudem gehören direkte, soziale Kontakte – und damit sind nicht Kontakte oder Freunde bei Facebook und Co. gemeint – zu den Grundbedürfnissen des Menschseins. Viel- leicht wird dieses Bedürfnis in der digitalen Gesellschaft in den nächsten Jahren sogar noch größer werden. Bibliotheken und Informationsspezialisten können hier die Rolle als Gemein- schaftsgründer einnehmen, also eine Art Schnittstelle zwischen analoger, physischer Welt und der digitalen Umgebung.

Weiterhin ist der Autor der Meinung, dass E-Books in Zukunft eine zentrale Rolle in den öf- fentlichen Bibliotheken Finnlands spielen werden. Daher gibt es Bestrebungen und Projekte in Finnland, den Zugang für die Nutzer zu vereinfachen. Auch dort leidet man unter der fast schon hysterischen Angst der Verlage und Autoren, ein Opfer von verbotenen Downloads und Vervielfältigungen zu werden. Technische Schutzmechanismen, wie etwa eingebettete Wasserzeichen, erschweren und komplizieren für die User die Nutzung eines E-Books aber nur. Teilweise wird mit diesen Schutzmaßnahmen genau das Gegenteil erreicht. Diese Zugangskontrollen führen dazu, dass die Nutzer sich diese elektronischen Ausgaben oft lieber über Peer-to-Peer-Netzwerke illegal beschaffen, um sie ohne Beschränkungen lesen zu können. Anzumerken ist, dass aus den aktuellen Projekten und Verhandlungen zwischen Verlagen und den finnischen Bibliotheken bisher keine realisierbare Lösung hervorgegangen ist.

Interessant ist somit die abschließende Einschätzung des Autors, dass Bibliotheken sich nicht unbedingt völlig neu erfinden müssen. Grundsätzlich bleibt der Auftrag der Bibliotheken auch im digitalen Zeitalter der Gleiche. Dieser Auftrag lautet auch heute noch, zur Erleichterung und Förderung der Wissenserstellung in ihren Kommunen beizutragen. Und dafür dürfte es auch in Zukunft, selbst in einer immer stärker digitalisierten Umwelt, noch Platz haben bzw. eine Nachfrage bestehen. Deutlich wird in diesem Artikel aber auch, dass selbst in einem bibliotheksfreundlichen Land wie Finnland die gleichen Probleme, d.h. knappe Budgets, Konkurrenz aus dem Internet, neue Usergruppen in Form der Digital Natives etc., auch für Existenzängste unter den dortigen Informationsspezialisten  sorgen.

Quelle:
Tuominen, Kimmo; Saarti, Jarmo: “The Finnish library system: open collaboration for an open society”;
in: IFLA Journal 2012, Vol. 38,  No. 2, 115-136

Das finnische Bibliothekssystem steht im Ruf, besonderen Wert auf Modernisierung und technologische Weiterentwicklung zu legen. Aber Bibliotheken in Finnland befinden sich, wie Informationseinrichtungen auf der ganzen Welt, auch in einer Phase der Transformation. Wie gehen die Informationseinrichtungen in Finnland mit diesem Wandel um? Ausgehend von einem geschichtlichen Rückblick auf ca. 600 Jahre dokumentiertes Bibliothekswesen in diesem skandinavischen Land wird der dort praktizierte Weg skizziert.

Die wichtigste Aufgabe von finnischen Bibliotheken ist die kostenfreie Informationsversor- gung für jeden Einwohner, unabhängig  von Einkommen oder Alter. Von daher gibt es auch in jeder der 312 Gemeinden des Landes eine Bibliothek. Außerdem kann jeder finnische Bürger auch jede Universitätsbibliothek nutzen, und sogar der Zugang zur finnischen Parlamentsbibliothek steht allen offen. Finnland hat bei einer Größe von knapp 340.000 km2  lediglich 5,2 Mio. Einwohner. Dies entspricht ca. 16 Einwohner pro km2.  Zum Vergleich:  Deutschland  hat 231 Einwohner pro km2. Die Siedlungsstruktur  ist also sehr dünn. Trotzdem sind die Finnen intensive Bibliotheksbenutzer. Fast 100 Millionen Ausleihungen,  oder 18 Artikel pro Einwohner, verzeichneten ...

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