Editorial 4-2019

Bibliotheksautomatisierungssysteme – leben sie noch oder sterben sie schon?

Bibliotheksautomatisierungssysteme – allein das Wort ist ein Ungetüm und mancherorts entpuppt sich das Bibliothekssystem selbst genau als solches. Der Markt ist nahezu gesättigt und damit hängt ein Damoklesschwert gleichermaßen über Herstellern wie Kunden dieser Systeme. Denn Innovationen erfordern große Investitionen und diese lohnen sich nur, wenn die Produkte auf einem nach oben skalierbaren Markt absetzbar sind. Deshalb werden viele Bibliotheken das dumpfe Gefühl nicht mehr los, dass ihnen trotz toller Marketingversprechen Uraltsysteme verkauft werden, die noch von gänzlich anderen Anwendungsszenarien in Bibliotheken ausgehen, als sie im Jahre 2019 Realität sind. Noch immer scheinen dabei Discoverysysteme als die wichtigste Komponente erachtet zu werden, auch wenn das die meisten nichtbibliothekarischen Systeme viel besser können. Das Bild einer heutigen (Wissenschaftlichen) Bibliothek ist gekennzeichnet durch unterschiedlichste Datenbestände und Dienstleistungen, betrieben mit den unterschiedlichsten Systemen und aufbereitet für unterschiedlichste Kundengruppen. Das alles spricht nicht unbedingt für zentrale „Großlösungen“, zumal kleine Bibliotheken heute sinnvoll und ohne allzu großen eigenen IT-Aufwand eigene Systeme betreiben können.

Sieht man sich die Vielfalt heutiger bibliothekarischer Dienstleistungen an, so bilden Bibliothekssysteme längst nur noch einen geringen Teil der Geschäftsfelder ab, während sie gleichzeitig einen Großteil der Ressourcen abschöpfen. Der Aufwand, der für Implementierung und Betrieb von Bibliotheksautomatisierungssystemen getrieben wird, muss aber in einem angemessenen Verhältnis stehen zum Nutzen, den diese Systeme heute noch zu stiften in der Lage sind. Oder anders formuliert: Hersteller wie Kunden von Bibliothekssystemen sind oft noch in einer Welt der klassischen Bibliothek verhaftet, während sich die Realität der bibliothekarischen Praxis bereits heute ganz anders darstellt. Sie gehen nach wie vor von klassischen Grundfunktionen wie Katalogisierung, Ausleihe gedruckter Medien und der Organisation von Inhalten jenseits der Paywall aus.

Aber die Entwicklung des Publishing-Marktes ist so volatil, dass sie nicht mehr durch starre IT-Systeme mit fixen Strukturen und Kategorien adäquat dargestellt werden kann. Allein die aktuelle Open-Access-Diskussion mit ihrer schier unüberschaubaren Vielfalt der Geschäftsmodelle macht es unmöglich Systeme zu bauen, die all das vorhersehen können. Die Vorstellung, dass etwa ein E-Ressource-Management-Modul zur Organisation der Open-Access-Prozesse geeignet sein könnte, scheint schlicht überholt, gelingt es doch schon der finanzstarken und seit Jahrzehnten in SAP trainierten Publishing-Industrie kaum, ihre Prozesse adäquat abzuwickeln. Das spricht gegen „Großsysteme“, die schwer zu administrieren sind und jene Flexibilität vermissen lassen, die einerseits die Volatilität des Marktes, andererseits das sich stark verändernde Geschäftsmodell von Bibliotheken erfordern. In unserem Beitrag zur aktuellen Situation der Bibliothekssysteme geben wir Auskunft über den aktuellen Stand der Innovationen der Systeme (Breeding, Marshall: „Library Systems Report 2019: Cycles of innovation“; in: American Libraries, May 2019, https://americanlibrariesmagazine.org/2019/05/01/library-systems-report-2019/).

Bei der Transformation des Publikationssystems ist es Bibliothekarinnen und Bibliothekaren gelungen, überraschend neu und radikal zu denken.

Es wird Zeit, auch bei Organisation und Betrieb von Bibliothekssystemen die Ressourcenallokation neu zu denken und nicht Unmengen von Zeit und Geld in Systeme zu investieren, die nur noch einen kleinen Teil der bibliothekarischen Praxisrealität wiederspiegeln.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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