Wie viel ist Wikipedia wert?
Datum: 13. November 2013
Autor: Erwin König
Kategorien: Kurz notiert

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist zusammen mit Amazon, Google, Facebook und Twitter sicher das Aushängeschild des Internets. Heute wird eben nicht nur gegoogelt, sondern es gehört auch das ständige Nachschauen von Begriffen in Wikipedia zu den Standard-Internetverhaltensweisen vieler informationssuchender User. Mit der Ausnahme von Wikipedia lässt sich der Wert dieser Internetgiganten gut durch ihre aktuelle Marktkapitalisierung abschätzen, d.h. Amazon ist ca. 141 Mrd. wert oder 1.090 $ pro Nutzer, Facebook ca. 123 Mrd. US$ (107 $ pro Nutzer), Google ca. 290 Mrd. $ (270 $ pro User) und für das kurz vor seinem Börsendebüt stehende Twitter wird mit einem Wert von ca. 15 Mrd. $ gerechnet, bzw. 77 $ pro Nutzer. Wikipedia ist allerdings eine gemeinnützige Unternehmung, die aktuell keine Pläne geäußert hat, dies in absehbarer Zeit zu ändern. Eine Wertbestimmung dieses Internetdienstes ist daher in Geldeinheiten nur schwer zu bewerkstelligen. Bibliotheken sind in dieser Hinsicht diesem Online-Projekt sehr ähnlich, da viele ihrer Informationsdienste kostenfrei angeboten werden und für viele ihrer Informationsdienste keine Marktpreise erhältlich sind. Von daher ist auch der aktuelle Versuch zweier Forscher, eine monetäre Bewertung für Wikipedia zu finden, für Informationsspezialisten von Interesse. Die Wissenschaftler haben dazu mehrere Studien und Beiträge zu diesem Thema ausgewertet. Sie kommen dabei unter Berücksichtigung von konservativen Schätzungen auf einen Wert von minimal 3,6 Mrd. $ bis zu dreistelligen Milliardenbeträgen für die Online-Enzyklopädie, jeweils abhängig vom gewählten Ansatz. Allein diese Spannbreite verdeutlicht die Schwierigkeit, einen angemessenen Wert für einen nicht-kommerziellen Informationsdienst zu bestimmen.

Die Freiwilligen-Enzyklopädie Wikipedia weist einige interessante Eigenheiten auf. Obwohl die Inhalte größtenteils von Nicht-Experten, d.h. Laien, geschrieben werden, lassen sich kaum wirkliche Qualitätseinbußen gegenüber „klassischen“ Standardwerken, wie der berühmten Encyclopedia Britannica nachweisen. Aber nicht nur das, Wikipedia ist bezogen auf die Anzahl von Artikeln und die Themengebiete diesen klassischen Nachschlagewerken deutlich überlegen. Nach ihrer Einstellung als Print-Ausgabe weist die Britannica in ihrer Online-Edition gerade einmal 120.000 Artikel aus, die zudem nur in englischer Sprache verfügbar sind. Zum Vergleich, allein in englischer Sprache gibt es aktuell 4,3 Mio. Wikipedia-Beiträge. Insgesamt umfasst Wikipedia 22 Mio. Artikel, die in 285 Sprachen verfasst wurden. Laut dem Webanalyse-Dienst Alexa ist Wikipedia die am sechshäufigsten besuchte Website weltweit. Diese wenigen Fakten belegen, dass Wikipedia ein äußerst wertvolles Internetprojekt ist. Die Frage ist nur, welcher konkrete wirtschaftliche Wert kann Wikipedia zugeordnet werden?

Für die Wertbestimmung finden sich in der Literatur verschiedene Ansätze:

  • Wird Wikipedia anhand der Wiederbeschaffungskosten bewertet, ergibt sich ein geschätzter Wert von 6,6 Mrd. US$ plus 600 Mio. $ Aktualisierungskosten im Jahr. Die Wiederbeschaffungskosten errechnen sich durch die Anzahl der Wikipedia-Artikel von insgesamt derzeit 22 Millionen sowie den durchschnittlichen Kosten eines Beitrags von 300 $.
  • Unter der Annahme, dass Wikipedia Abonnementsgebühren für ihre Inhalte verlangen würden, könnte man als Referenzwerte die Abopreise ähnlicher Dienste verwenden wie Britannica (130 bis 170 $) oder Last.fm (36 $ pro Jahr). Bei der Einführung einer Zahlschranke müsste man realistischerweise aber auch mit einem Rückgang bei den Usern von 75% rechnen. Bei verbliebenen 100 Mio. Kunden würde sich der Wert zwischen 3,6 Mrd. (Abogebühr von 36 $) und 17 Mrd. $ bewegen (Abokosten von 170 $). Analysten schätzen den Wert eines Unternehmens, indem sie den Umsatz mit einem Branchenkoeffizienten multiplizieren. Ein realistischer Wert für Internetunternehmen wäre das Sechsfache des Umsatzes. Dies ergäbe im Fall eines Abomodells einen Unternehmenswert von 21,1 Mrd. US$ bis 102 Mrd. $.
  • Unter der Annahme, dass Wikipedia ein werbefinanziertes Geschäftsmodell einsetzen würde, könnte das Online-Lexikon ungefähr 1,6 Mrd. $ an Werbeeinahmen pro Jahr generieren. Bewertet man nun Wikipedia mittels des sogenannten Discounted Cash Flow-Modells, ergäbe dies einen Marktwert von 8,8 Mrd. $. Die Werbeumsätze sind dabei abhängig von den pro 1.000 Seitenaufrufen erhaltenen Einnahmen (Page Revenue Per Mille-RPM). Bei einem RPM von 8 $ ergeben sich eben 1,6 Mrd. $ im Jahr. Im Allgemeinen variieren die Werbeeinahmen zwischen 1 und 20 $ pro 1.000 Seitenaufrufen.
  • Unter der Annahme, dass Wikipedia für eine bibliothekarische Suchabfrage eine Gebühr von 2,25 $ verlangen würde, ergibt sich bei geschätzten 2 Mrd. Anfragen pro Monat ein hypothetischer Wert von 54 Mrd. $ pro Jahr. Wikipedia hat durchschnittlich 470 Mio. User pro Monat sowie 470 Mrd. Seitenaufrufe. So gesehen ist diese Schätzung auch aufgrund der 2,25 $ Gebühren eher konservativ. Eine eher großzügige Schätzung kommt bei diesen Bibliotheksgebühren auf unglaubliche 1,08 Billionen US-Dollar pro Jahr.
  • Nicht zu vergessen ist, dass Wikipedia pro Jahr ca. 25 Mio. $ an Betriebsausgaben zu tragen hat, die für Datenspeicherung, Datenverkehr und administrative Kosten verwendet werden.

Übrigens scheint Wikipedia zumindest für manche Börsenhändler inzwischen einen finanziell verwertbaren Wert erhalten zu haben. Hierbei geht es aber nicht um die in Wikipedia enthaltenen Börsenfachbegriffe, sondern die Online-Enzyklopädie selbst kann als Kristallkugel für die Vorhersage von Börsenkursen eingesetzt werden. Hört sich unglaublich an, aber eine Studie der Warwick Business School hat genau dies herausgefunden. Die Forscher haben dazu die Abrufhäufigkeit auf Wikipedia von in dem Börsenindex Dow Jones gelisteten Unternehmen analysiert. Anhand von Daten aus den Jahren von 2007 bis 2012 konnte tatsächlich eine Korrelation zwischen diesen Anfragen über diese Firmen in Wikipedia und dem Verlauf ihres Aktienkurses nachgewiesen werden. Die vereinfachte Formel lautet: Steigen die Anfragen zu einem Unternehmen gegenüber dem wöchentlichen Durchschnitt stark an, nimmt die Wahrscheinlichkeit eines kurz bevor stehenden Kursrückgangs am Aktienmarkt deutlich zu.

Quellen:

Band, Jonathan; Gerafi, Jonathan: „Wikipedia’s Economic Value“; Oktober 2013, online abrufbar unter http://infojustice.org/wp-content/uploads/2013/10/band-gerafi10032013.pdf

Moat, HelenSusannah et. Al.: „Quantifying Wikipedia Usage Patterns Before Stock Market Moves“; in: Scientific Reports 3, 08. May 2013, Article-No. 1801, doi:10.1038/srep01801, URL: http://www.nature.com/srep/2013/130508/srep01801/full/srep01801.html

 

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