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Editorial 10-2025 / 01-2026

Datum: 19. Januar 2026
Autor: Rafael Ball
Kategorien: Editorial

Repositorien auf neuen Wegen?

Das eigene Repositorium in der Bibliothek einer Hochschule oder Universität war der Beginn der institutionalisierten Open-Access-Bewegung. Als klare Alternative zu den im Laufe der Zeitschriftenkrise nicht mehr bezahlbaren Journals kommerzieller Verlage haben sich Repositorien immer weiter verbreitet und gelten inzwischen als eine Selbstverständlichkeit im Portfolio der Wissenschaftskommunikation und ihrer Publikationsmöglichkeiten. Doch Akzeptanz und Begeisterung für die „hauseigenen Repositorien“ waren von Anfang an immer schwankend und die Loyalität der Forschenden gegenüber „ihrem“ Repositorium war nicht immer durchgängig auf hohem Niveau. Immer wieder (und noch immer) gelten die meist von Bibliotheken betriebenen Publikationsserver als zweite Wahl, gute Ersatzlösung oder sekundärer Ablageort. Noch immer gilt die Veröffentlichung eines Papers in einem impaktstarken internationalen Journal eines bekannten Verlages als Goldstandard und primär erstrebenswert. Nur wenige eingefleischte Open-Access-Freude oder ausgewiesene Gegner von Verlagspublikationen nutzen die Bibliotheksrepositorien als erste Wahl für ihre Veröffentlichungen. Dazu haben wir einen Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Library Essentials ab Seite 9.

In der aktuellen Debatte um die Transformation des Publikationssystems und den Einsatz von künstlicher Intelligenz könnten Repositorien aber wieder spannende Aufgaben erhalten und sich neu positionieren. Denn wer mit den Tools der KI wissenschaftliche Inhalte aus Veröffentlichungen der Verlage bearbeiten will, stößt zumeist auf unüberwindbare Hürden – was verständlich ist, sind doch die Inhalte, mit denen die Verlage Geld verdienen müssen, schnell weltweit verfügbar, wenn ein KI-System diese Daten als Trainingsdaten nutzen kann.

Gleichzeitig nutzen OA-verfügbare Publikationen nur wenig, wenn sie nicht in geordneter Weise strukturiert und sicher und stabil zugänglich sind. Hier könnten sich Repositorien eine neue Aufgabe sichern und aus dem Schatten des ewig zweiten Datenbestands heraustreten.

Wenn alle OA-Publikationen dieser Welt wenigstens teilweise auf dem eigenen Repositorium verfügbar sind, kann sehr gut und nutzbringend mit KI-Tools daran und damit gearbeitet werden. Noch scheuen sich die meisten Betreiber von Hochschulrepositorien, diesen nicht einfachen Schritt des Massen-Ingests zu wagen, weil oftmals die Ressourcen fehlen.

Aber das neue Jahr bietet noch 12 Monate Zeit, sich Gedanken um diese schöne neue Ergänzung der Aufgaben eines Repositoriums zu machen und Ideen einer Realisierung zu entwickeln.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start in das neue Jahr 2026 mit vielen neuen Ideen, von denen die ein oder andere wahr werden sollte.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Über Rafael Ball

Rafael Ball studierte die Fächer Biologie, Slawistik und Philosophie an den Universitäten Mainz, Warschau und Smolensk. 1994 wurde er am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Mainz zum Dr. rer. nat. promoviert. Bekannt ist er für seine Ideen zur Bibliothek der Zukunft, zur Wissenschaftskommunikation und zur heutigen Rolle des gedruckten Buches. Er ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift B.I.T.online.