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Editorial 08-2025

Datum: 18. November 2025
Autor: Rafael Ball
Kategorien: Editorial

Die Last der Objektivität und die Lust an der Schwärzung

Es bleibt kompliziert. Wie weit darf die Fürsorge um die Inhalte und deren Hintergründe gehen, wie weit dürfen und müssen Archivarinnen und Archivare, Bibliothekarinnen und Bibliothekare Daten, Texte und Bilder verändern, verdecken oder gar entfernen, wenn sie (mutmaßlich) Inhalte darstellen, die auf der Basis der aktuellen Ethikdiskussion nicht dargestellt werden sollten? Dabei geht es nicht immer um Menschen, sondern auch um Sachverhalte, Zusammenhänge oder vermeintliche Machtverhältnisse.

Konkret berichten wir in dieser Ausgabe über einen Beitrag, der das thematisiert: „Ethische Verantwortung im Umgang mit biomedizinischen Archiven“ (Seite 8).

Die Autor:innen schlagen vor, Bilder und Textstellen zu bearbeiten, die aus ethischen Gründen nicht gezeigt werden sollten. Dazu gibt es die einfache direkte Methode des Schwärzens oder aber die elegantere Methode des „Verschwimmen-Lassens“, also der Opazität (gezieltes Verdecken).

So weit so gut. Doch das eigentliche Problem ist nicht die technische Bearbeitung von Inhalten, die nicht gezeigt werden sollten, sondern die Entscheidung darüber, welche Inhalte nicht gezeigt werden sollten und warum nicht. Diese Frage ist bei weitem die kompliziertere und nicht einfach durch Technik, Checkboxen oder simple Dienstanweisungen zu klären. Die Maßstäbe, nach denen solche Entscheidungen getroffen werden, sind hochgradig abhängig vom Zeitgeist und schwer zu objektiveren. Die Tatsache, dass diese oder jene Inhalte heute nicht gezeigt werden sollen, aber gestern noch völlig „in Ordnung“ waren, macht uns bewusst, dass wir nicht auf eine einfache, linear aufsteigende Line der Moralität unserer Menschheitsentwicklung setzen dürfen, die suggeriert, wir wären heute die besseren Menschen und unsere aktuellen moralischen Maßstäbe die wahrhaftigeren. Sie ist vielmehr Ausdruck einer aktuellen, meist dem Zeitgeist untergeordneten Werteordnung, die nicht mehr a priori gesucht und vorausgesetzt wird. Diese Werteordnung kann sich selbst in demokratischen Gesellschaften wie der unseren in wenigen Jahren innerhalb eines Ministeriums der deutschen Regierung grundlegend ändern. Und doch behaupten alle Akteure, dass sie nach relevanten und gültigen moralischen Maßstäben und gesetzlichen Vorgaben handelten.

Wer aber setzt die Norm, wenn sie nicht außerhalb des Menschen gesetzt ist? Worin ist sie begründet?

Allein diese Fragen zeigen, wie kompliziert es ist und wie schwierig, heute moralische Entscheidungen darüber zu treffen, was gut und böse ist und was wir in Bibliotheken und Archiven zeigen dürfen und was nicht.

Wer sich zum Richter der Normen aufschwingt und Maßstäbe setzt, Bilder verdunkelt und Inhalte wegsperrt, begibt sich auf schwankenden Boden. Er steht in Gefahr, der Hybris des Gegenwärtigen zu erliegen.

Deshalb bedarf es einer ganz besonderen Sensibilität, wenn hier Eingriffe vorgenommen und moralische Maßstäbe gesetzt werden. Archive und Bibliotheken sind Jahrhunderte lang nicht schlecht gefahren, die Objekte und Inhalte so zu zeigen, wie sie entstanden sind, ohne sie zu verdecken, zu verstecken oder zu schwärzen.

Wir müssen vorsichtig sein in Zeiten, in denen unendlich viele Wahrheiten unterwegs sind und jeder seine eigene durchzusetzen versucht, auch im Setzen von Maßstäben und vermeintlichen Normen.

Wollen wir mit unseren Sammlungen Glaubwürdigkeit behalten, sollten wir sie zeigen, wie sie sind. Derjenige, der sie nutzt, muss die Kompetenz und den Anstand haben, sie entsprechend einzuordnen. Wir können bei dieser Einordnung helfen, aber nicht den Zensor spielen, der sich über den Dingen wähnt.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Über Rafael Ball

Rafael Ball studierte die Fächer Biologie, Slawistik und Philosophie an den Universitäten Mainz, Warschau und Smolensk. 1994 wurde er am Institut für Allgemeine Botanik der Universität Mainz zum Dr. rer. nat. promoviert. Bekannt ist er für seine Ideen zur Bibliothek der Zukunft, zur Wissenschaftskommunikation und zur heutigen Rolle des gedruckten Buches. Er ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift B.I.T.online.