Studie legt Schulen ein Umdenken beim Umgang mit sozialen Medien nahe

Ausgabe 4/2012

Führende US-amerikanische Lehr- und Ausbildungsverbände, darunter die American Association of School Librarians (AASL) und das Consortium for School Networking (CoSN), haben sich zusammen getan und einen Bericht veröffentlicht, der bei Bildungspolitikern und anderen Entscheidern ein Umdenken bei den Themen soziale Medien und mobile Technologien bewirken soll. Diese neuen Technologien werden oft einseitig als gut oder schlecht dargestellt, wobei ihr Nutzen für die Wissensgenerierung und den Bildungsprozess oft nicht ausreichend verstanden wird. Es gibt nämlich einleuchtende Gründe, diese neuen Technologien auch innerhalb des Studiums, der Schule, in einer Bibliothek oder sonst wo zu integrieren

Folgende wichtige Erkenntnisse enthält diese Untersuchung:

  • Die Verwendung von internetfähigen mobilen Endgeräten und sozialen Medien ist unter jungen Leuten unbestreitbar weit verbreitet. Nach Zahlen des Forschungsinstituts Pew Research nutzen in den USA 95% aller 12 bis 17-Jährigen regelmäßig das Internet, 80% nutzen soziale Netzwerke und 75% besitzen ein Mobiltelefon.
  • Gleichzeitig nimmt die Nutzung von eigenen mobilen Endgeräten durch die Schüler für den Unterricht ständig zu. Immer mehr Bildungseinrichtungen weichen von ihren früheren Verbotsvorschriften für diese Geräte ab und integrieren sie stattdessen lieber in die Ausbildung.
  • Der Einsatz solcher Technologien im Unterricht erlaubt es, die Kluft zwischen formaler (d.h. in der Schule) und informaler (d.h. außerhalb der Schule) Bildung zu verringern. Die Auszubildenden werden so besser auf die reale Welt vorbereitet.
  • Mit diesen neuen Technologien können sich die Schüler und Studenten ihre eigene Lernumgebung schaffen. Sie sind so sofort mit Kollegen, Experten und Informationsquellen verbunden, die sich außerhalb der Schulmauern befinden. Und insgesamt wird ihnen so ermöglicht, die für das 21. Jahrhundert benötigten Kenntnisse zu erwerben.
  • Diese Technologien ermöglichen es, in Echtzeit Rückmeldungen oder Bewertungen zu erhalten sowie Informationen oder Dokumente auszutauschen.
  • Weiterhin kann damit die Arbeit der Schüler dokumentiert werden, z.B. mit Fotoaufnahmen, die innerhalb oder außerhalb des Schulgeländes gemacht werden.
  • Mit diesen Technologien können auch Hausarbeiten digital empfangen und abgesendet werden. Zudem können die Nutzer lernen, wie sie mobile Endgeräte und soziale Netzwerke für das heute so stark propagierte lebenslange Lernen einsetzen können.

Trotz aller dieser Vorteile gibt es auch einige ernstzunehmende Vorbehalte bei der Verwendung solcher Technologien. Dazu zählen u.a.:

  • Sogenanntes Sexting, d.h. die Verbreitung von sexuell freizügigen Nachrichten oder Fotos zwischen den Jugendlichen über mobile Endgeräte. Laut Pew Internet haben 16% der 12 bis 17-jährigen bereits einmal eine Sexting-Nachricht erhalten.
  • Cyber-Mobbing und Belästigungen gehören zu den negativsten Auswirkungen von diesen neuen Technologien. Vergessen wird bei dieser Thematik, dass solche Gemeinheiten nicht unbedingt an die Technologie gebunden sind. Laut Pew Research werden die meisten solcher Übergriffe immer noch persönlich "überbracht".
  • Nachteiliges Verhalten, wie Cyber-Mobbing, wird zudem durch die fehlenden Vorschriften der Ausbildungsstätte noch verstärkt. Allgemein gilt für unsere vermeintlich so zivilisierte Gesellschaft, dass das Fehlen von Regeln meistens negative Auswirkungen hat. Dieser Punkt ist unabhängig davon, ob es hier um den angemessenen Einsatz von Technologien durch User geht oder sonstige Verhaltensrichtlinien betrifft.
  • Fehlende Urteilskraft auf Seiten der Jugendlichen, die nicht wissen, wie viele Informationen sie online mit anderen teilen dürfen.

Folgende Empfehlungen werden aufgrund der gefundenen Vor- und Nachteile ausgesprochen:

  • Verbote sind nicht die Antwort auf diese neuen technologischen und kommunikativen Möglichkeiten.
  • Die bestehenden Nutzungsbedingungen sollten überprüft und gegebenenfalls geändert werden.
  • Die Chance nutzen, um die Lernenden informationskompetenter zu machen.
  • Die professionelle Weiterentwicklung betonen.

Interessant ist an diesem Bericht, dass er, obwohl er sich in erster Linie an politische Entscheidungsträger richtet und die Auswirkungen auf Schüler und Studenten als Nutzer solcher neuen Technologien diskutiert, praktisch die gleichen Fragen und Probleme aufwirft,  wie sie etwa bei dem Einsatz von mobilen Endgeräten und sozialen Medien durch Mitarbeiter in Unternehmen auftauschen. Die Resultate dieser Studie haben somit eine gewisse allgemeine Relevanz. Gleichzeitig wird auch deutlich, dass Bibliotheken oder andere Informationseinrichtungen sich diesem Thema nicht allzu lange werden verschließen können. Verzichtet man auf entsprechende Dienste, läuft man schnell Gefahr für eine ganze Generation von Usern irrelevant zu werden. Wenn diese junge Nutzergruppe schon in der Schule mobile Technologien und soziale Medien einsetzen darf, wird man diesen Usern kaum erklären können, weshalb dies in einer Bibliothek nicht möglich sein sollte. Folge wird sein, dass die Generation Smartphone / Facebook wohl einen großen Bogen um Bibliotheken machen wird.

Quelle: Consortium for School Networking (Hrsg.): "Making Progress: Rethinking State and School District Policies Concerning Mobile Technologies and Social Media"; 2012, online abrufbar unter http://www.cosn.org/Default.aspx?TabId=12543

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