Editorial 9-2020

Von der Pandemie zur Infodemie

Versprochen. Es ist das letzte Mal in diesem Jahr, dass ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit dem Thema Corona belästige. Wir können es alle längst nicht mehr hören und möchten nur, dass es schnell vorbei ist. So wird es auch kommen, zumindest im nächsten Jahr. Und Sie werden in diesem Editorial auch nicht belästigt mit Klagen und Wehrufen zu den Einschränkungen dieser Tage und Wochen.
Wir sollten uns aber noch einmal mit der informationellen Grundlage der Pandemie und ihrer Konsequenzen auseinandersetzen. Denn es ist gewaltig, welche Menge von Informationen in kürzester Zeit zu und über Corona produziert und gestreut worden ist (Seite 21). Und dabei keineswegs nur fake news und verquere Theorien zum Thema, sondern auch eine riesige Menge relevanter Informationen zu Ursache, Verbreitung und Wirkung des Coronavirus, zu Schutz und Vorbeugung einer Infektion. Und das in allen möglichen Formaten: Angefangen von den sozialen Medien wie Podcasts, Twitternews, Blogs über die klassischen Medienberichte in Funk und Fernsehen, aber auch als wissenschaftliche Publikationen in Zeitschriften und Büchern. Und Sie ahnen schon: Es fällt schwer, hier den Durchblick zu behalten. Das ist weniger dramatisch für den allgemein Interessierten, aber es kann schwerwiegende Folgen haben für die Experten, die als Mediziner, als Pflegepersonal oder als Politikverantwortliche Entscheidungen auf der Basis dieser Veröffentlichungen treffen wollen und treffen müssen.
Gebraucht werden also nicht nur Filtermöglichkeiten, die geprüfte Informationen und Falschinformationen unterscheidbar machen, sondern auch eine Möglichkeit der gezielten und fokussierten Auswahl der Inhalte. Der Internettheoretiker und Kritiker der großen Daten- und Informationskonzerne Evgeny Morozov geht hier mit seinem Service namens Syllabus einen scheinbar ganz neuen Weg. In einer Kombination von intellektueller und maschineller Filterung und Aufbereitung liefert er den Abonnenten des Dienstes eine fokussierte Auswahl zu den Themen, die der Kunde bestellt. Dass dies der FAZ jüngst einen ganzseitigen Beitrag im Feuilleton wert war (FAZ vom 18.12.2020), zeigt, welchen Eindruck solche Arbeiten zumindest auf Journalisten machen. Wer sich aber ein wenig in der Geschichte der Informationswissenschaft und der Bibliotheken auskennt, weiß natürlich sofort, dass Angebote wie Syllabus seit langem genau das Geschäft der Informationsbroker und Bibliothekarinnen und Bibliothekare waren. Es hat eben noch nie zum Ziel geführt, alle verfügbaren Informationen ungefiltert und unstrukturiert auf den ,Markt’ zu werfen und die Kunden im Information Overload untergehen zu lassen. All-Inclusive-Verträge und Flatrates mit wissenschaftlichen Verlagen machen nur die Verleger reich, nicht aber die Kunden schlau. Den eigentlichen Mehrwert generieren die gezielte Auswahl und die qualitativ geführte Fokussierung auf das, was wirklich nötig ist. Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind dabei, der Verführung von Open Access, Open Data, All Inclusive und nationalen Flatrate-Verträgen zu erliegen und diese alte und wertvolle Erkenntnis zu vergessen. Internetgurus dagegen entdecken sie für sich neu und verkaufen sie als Innovation auf dem Informationsmarkt. Es wird Zeit, dass wir einander mehr zuhören und auch die Geschichte unserer Institutionen samt ihrer informationellen Grundlegungen nicht vergessen.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien auch im Namen der Redaktion von Library Essentials eine gesegnete Weihnachtszeit und einen guten und erfolgreichen Start ins neue Jahr. Bleiben Sie gesund!

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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