Editorial 9-2015

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

das Ende der klassischen Medienformen ist in Sicht. Auch wenn viele es noch für eine Utopie halten und nimmermüde Bibliotheksnostalgiker das gedruckte Buch mit seinem linearen Text für die einzig mögliche Form der kulturellen Überlieferung oder gar der rationalen und emotionalen Ausdrucksfähigkeit des Menschen erachten.

Schriftsteller etwa bieten ihre Romane längst nicht mehr nur einfach einem Verlag an, der nach ausführlicher Überprüfung durch das Lektorat den Roman druckt oder ablehnt, sondern bieten ihn kapitelweise zum Download an. Gedichte werden nicht mehr in Gedichtbänden veröffentlicht, sondern man kann sie einzeln im Internet für 99 Cent kaufen. Verlage verkaufen einzelne Buchkapitel eines Lehrbuchs, auch wenn das ganze Werk noch nicht erschienen ist, im Vorabverkauf. Niemand mehr muss auf das Erscheinen eines Zeitschriftenheftes warten, um einzelne Beiträge lesen zu können. Damit gerät nicht nur die verletzliche Medienwelt ins Wanken, sondern es gerät auch die klassische und bekannte Strukturierung von Information und Wissen aus den Fugen.
Gerade hat die DFG einen Sonderforschungsbereich zum Thema "Medien der Kooperation" genehmigt, in dem es darum geht, "Crossmodales Lernen und Lesen" interdisziplinär zu erarbeiten, die kooperative Ausgestaltung von Medien und die Rolle von medialen Infrastrukturen zu erforschen.

Vielleicht spiegelt die Veränderung unserer Medienwelt aber auch den radikalen Wandel unseres Erkenntnisprozesses wider, der unaufhaltsam, aber oft noch unbemerkt abläuft, wie der Philosoph David Weinberger an der Harvard University bemerkt: "Im Westen haben wir uns Wissen über ein paar Jahrtausende hinweg als ein System stabiler und konsistenter Wahrheiten vorgestellt. Kann es sein, dass uns das mehr über die Grenzen der Medien des Wissens verrät als über das Wissen selbst? Wenn Wissen kommuniziert und konserviert wird, indem man es mit Tinte auf Papier schreibt, dann ist Wissen eben das, was es durch institutionelle Filter schafft und sich nicht verändert. Das neue Medium des Wissens ist aber weniger ein System zur Veröffentlichung von Aufsätzen oder Büchern, sondern eine vernetzte Öffentlichkeit. Vielleicht können wir mithilfe der Data Commens neues Wissen produzieren, allerdings wird dieses Wissen dann eher die Form einer permanenten Diskussion annehmen, innerhalb deren es einmal hierhin gezerrt wird und einmal dorthin. So sieht Wissen im Zeitalter des Netzes aus. Es ist nie wirklich stabil, es ist nie vollständig aufgeschrieben und es ist nie endgültig fertig."
David Weinberger. Die digitale Glaskugel. In : Big Data . Das neue Versprechen der Allwissenheit. Redaktion Heinrich Geiselberger, Tobias Moorstedt. Suhrkamp, Berlin 2013. S 237

Dies gilt umso mehr, als in der FAZ vom 13. Oktober diesen Jahres ein Gespenst aus dem analogen Jahrhundert, der Heidelberger Philologe Roland Reuss nämlich in einem fulminanten Rundumschlag gegen alles und jeden, der irgendwie gegen das gedruckte Buch sein könnte, herumpöbelt: Gegen Google, gegen die Bibliothekslobby, gegen die Forschungsförderer, gegen den Gesetzgeber, gegen die Grossverlage und gegen institutionelle Repositorien. Sie alle hätten offensichtlich nicht verstanden, dass die Autorenschaft in Kombination mit einem kleinen oder mittelgrossen Verlagen die einzige Rettung sei, damit noch geschrieben wird und publiziert von Autoren wie Reuss bei Verlagen wie Klostermann.

Sie sehen, die Veränderung der Medienwelt verläuft kontrovers. Aber sie wird kommen und darauf sollten wir uns alle professionell vorbereiten.

Herzlich

Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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