Editorial 8-2019

Wie sind Ihre Entscheidungswege? ,,Entweder oder" versus ,,sowohl als auch"?

Viel zu oft scheinen wir solche beruflichen Entscheidungen treffen zu müssen: entweder oder. Man wägt die Argumente ab - und dann ist die Entscheidung gefallen. Das tut gut, man hat sich klar entschieden, es scheint ein Ausdruck von Stärke und damit kann das nächste Thema drankommen.
Tatsächlich jedoch gibt es immer wieder Situationen, wo ein ,,entweder oder" besser einem ,,sowohl als auch" weichen sollte. Immer dann nämlich, wenn die Alternativen ähnlich gut und wichtig sind.
So etwa bei der Überlegung über die richtigen Suchsysteme in unseren Bibliotheken. Das ist eine uralte und ewige Herausforderung und immer wieder kann und muss man sich fragen, welche Systeme denn die bessern sind, welche Systeme die Nutzer wirklich wollen (und auch nutzen) und wie sich Bibliotheken im Hinblick auf externe, leistungsfähige kommerzielle Suchmaschinen mit ihren eigenen Angeboten positionieren sollten. Eine komparative Studie über die Nutzung von Google Scholar und Suchsystemen in wissenschaftlichen Bibliotheken in dieser Ausgabe gibt uns nun eine schöne Antwort: sowohl als auch. Das ist auf den ersten Blick unbefriedigend, aber bei genauem Hinsehen eine durchaus kluge Entscheidung mit strategischem Weitblick. Denn der Versuch, Nutzer nur in ein einziges festes, klares Suchsystem zwingen zu wollen, wird scheitern. Die digitale Welt des 21. Jahrhunderts ist nun einmal die Welt der vielen Möglichkeiten und parallelen Optionen, die auch alle so genutzt werden. Bei den Suchmaschinen für akademische Inhalte ist es genauso: Die Nutzer kennen beide untersuchten Systeme (und sicher noch viele mehr) und setzen auch beide ein. Je nach aktueller Verfassung und Arbeitsumgebung oder auch je nach Geschmack werden der Bibliothekskatalog und seine Suchsysteme zu Rate gezogen oder eben Google Scholar. Die Nutzer kennen ganz offensichtlich die Vor- und Nachteile beider Systeme. Daraus kann man nur ableiten, dass es wenig erfolgreich ist gegen Konkurrenzsysteme zu arbeiten (wenn man sie denn so nennen will), sondern besser mit ihnen und parallel zu ihnen.
Ganz ähnlich interpretiere ich auch eine Studie der Cambridge Press und Oxford University Press zur Bedeutung der Monographien in der Wissenschaft (ebenfalls in dieser Ausgabe). Knapp 5000 Antworten wurden ausgewertet und auch da wurde klar: Monographien werden gebraucht, sie sind (in den Geistes- und Sozialwissenschaften) gewünscht und beliebt. Die Befragten sehen gar noch eine weiter steigende Bedeutung von Monographien für die Kommunikation von Forschungsergebnissen. Also auch hier: Kein ,,entweder oder", sondern ein ,,sowohl aus auch". Die Wissenschaftskommunikation braucht die ganze Bandbreite der Veröffentlichungsmöglichkeiten, vom hippen Tweet über das fluide Dokument bis hin zur gedruckten Monographie.
Daraus ergeben sich Motivation und Anforderung zugleich: Wir dürfen nicht müde werden die Vielfalt der Medien und ihrer Formate zu fordern und zu fördern. Die Fokussierung auf den standardisierten 7-Seiten-Artikel in einem wissenschaftlichen Journal, so wie es die Big Deals gerade festschreiben, entspricht nur einem Teil der wissenschaftlichen Disziplinen und ihren Kommunikationswünschen.
In diesem Sinne: Bleiben Sie offen.
Herzlich
Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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