Editorial 7-2020

Library Essentials Oktober 2020, Editorial

Forschungsdaten sind der neue Bibliotheksbestand. Dieses Dogma scheinbar innovativen und neuen Bibliotheksdenkens wird fast gebetsmühlenartig bei jeder Diskussion wiederholt, in der es um die Transformation der Wissenschaftlichen Bibliotheken im 21. Jahrhundert geht. Und tatsächlich hat die Digitalisierung bei diesem Thema Chancen eröffnet, die es in der analogen Zeit zwar auch schon gab, deren Wahrnehmung aber mit einem enormen Aufwand verbunden war. Die analogen Forschungsrohdaten (so sollte man Forschungsprimärdaten besser bezeichnen) fristeten so bis zur kompletten Digitalisierung des Forschungsprozesses eher ein Schattendasein auf dem Niveau eines Laborbuchs und persönlicher Notizen. Dennoch waren sie verfügbar, wenn Zweifel an der Richtigkeit von wissenschaftlichen Veröffentlichungen und den zugrundeliegenden Daten und Messergebnissen geäußert wurden oder bestanden. Sie konnten dann – wenn auch mit Mühe und großem Aufwand – als Backup und Grundlage für die Überprüfung von wissenschaftlichen Aussagen herangezogen und gegengeprüft werden.
Die Digitalisierung hat nun das Thema „Forschungsdatenˮ aus der Dunkelheit eines Backup-Status an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Häufig genug wird genau das als Transparenz missverstanden, denn Rohdaten, Aufzeichnungen, Messreihen und Gedankengänge sind eben nur die Grundlage für die wissenschaftliche Weiterverarbeitung und nicht bereits die Erkenntnis selbst. Erst der darauf basierende kognitiv-wissenschaftliche Prozess, die Einordnung der Ergebnisse in die ganzheitliche Perspektive der Forscherin und des Forschers und die intellektuelle Interpretation lassen wissenschaftliche Erkenntnis entstehen.
Im ersten Beitrag unserer aktuellen Ausgabe der Library Essentials diskutieren wir die Frage nach der Nutzung von Forschungsdaten einerseits und den Treibern für ihre Veröffentlichung.
Aufschlussreich ist das Ergebnis einer Datenbankstudie, die in den letzten 16 Jahren rund 100 relevante Fachartikel zum Thema Forschungsdaten nachweist. Allesamt beschäftigen sie sich mit den bekannten (technischen und prozeduralen) Fragen der Erhebung, Katalogisierung, Nutzung und Archivierung. Kein Artikel bemüht sich hingegen den informationellen Charakter der Forschungsdaten herauszuarbeiten und die überaus legitime und auch längst überfällige Frage zu adressieren, welchen Charakter Forschungsdaten etwa im Unterschied zu einer wissenschaftlichen Veröffentlichung haben. Auch der epistemologische Rahmen, in den die Forschungsdaten im Erkenntnisprozess einzuordnen sind, interessiert in einer zunehmend utilitaristischen und normierenden Sicht auf die Wissenschaft offensichtlich kaum noch jemanden. Es ist für Bibliotheken deshalb nicht nur von Vorteil, sich nun statt auf „Beständeˮ auf die Forschungsdaten zu stützen (und zu stürzen) und als zukünftiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Vielmehr ist es jetzt wichtig, zusammen mit der Wissenschaft auf der Folie des wissenschaftlichen Kognitionsprozesses Forschung zu betreiben, um Charakter und Wesen von Forschungsdaten herauszuarbeiten. Es ist zu einfach, sie als gegebenen Faktor lediglich in betriebswirtschaftliche Prozesskarten einzubauen und Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Ich halte es noch nicht für ausgemacht, dass die Forschungsdaten die neuen Bestände der Bibliotheken sind, zu sehr haftet ihnen das Vorläufige, das Propädeutische und das Vertraulich-Private an. Und zu wenig sind sie bereits durchdachte und erdachte Wissenschaftserkenntnis.
Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre dieser Ausgabe gute Gedanken und kreative Ideen.
Herzlich
Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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