Editorial 5-2018

Chancen, nichts als Chancen

In dieser Ausgabe der Library Essentials decken wir wieder viele spannende Themen ab. Zwei davon möchte ich Ihnen besonders ans Herz legen, da sie einen Großteil der Bibliotheken und Informationseinrichtungen betreffen.

Da ist zum einen die Vernetzung von Repositorien der Bibliotheken. Viele, vor allem wissenschaftliche Bibliotheken betreiben oft schon seit längerem und deshalb mit großer Erfahrung eigene institutionelle (und teilweise auch fachliche) Repositorien. Dort werden Publikationen aus der eigenen Einrichtung oder der entsprechenden Disziplin abgelegt. Aber längst nicht mehr nur Texte, sondern auch wissenschaftliche Vorträge, Software und Forschungsdaten. Allen Repositorien ist gemeinsam, dass sie zunächst nur für die eigene Einrichtung geschaffen wurden und für deren Zwecke optimiert sind. Meist jedoch speisen die Bibliotheken ihre (freien) Daten schon in allgemeine Suchsysteme bis hin zu Google ein, wo sie dann von jedermann gefunden werden können. Allerdings - und das ist eine berechtigte Frage - erwarten die Internetnutzer von heute eine unkomplizierte Suchmöglichkeit sowie die Verknüpfung möglichst vieler (idealerweise aller) Repositorien und deren Inhalte. Man bezeichnet das als Netzwerkeffekt, und genau das beginnen Bibliotheken nun mit ihren Repositorien umzusetzen. Es ist ein tolles Beispiel dafür, wie sich heterogene Systeme zusammenschließen, um dem Nutzer noch einfacher und ohne Barrieren frei verfügbare wissenschaftliche Inhalte anbieten zu können. Auch das ist ein Stück Open Access. Und wenn alle Stakeholder das so begreifen und umsetzen, wird sich nicht nur der wichtige Gedanke des freien Zugangs zu wissenschaftlichen Informationen, sondern auch dessen konkrete, nutzbare Umsetzung im Laufe der Jahre Schritt für Schritt (und ganz ohne Revolution) realisieren lassen. (Arlitsch,Kenning; Grant, Carl: Why so Many Repositories?)

Das zweite große Thema sind die Baby-Boomer in unseren Bibliotheken. Nicht die Kunden, sondern die Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind gemeint. Diese Generation ist heute noch die tragende Säule des Personalbestandes und ohne sie wären Bibliotheken nicht das, was sie sind. Die Generation der Baby-Boomer hat die vordigitale Welt der Bibliotheken noch miterlebt und vor allem auch den Wandel hin zu einer digitalen Vorreitereinrichtung im Kultur- und Informationswesen gestaltet. Spätestens in 10 Jahren, meist jedoch schon früher, geht diese Generation in den wohlverdienten Ruhestand und mit ihr das gesamte Know-how. Das ist der Grund, bereits jetzt Sorge dafür zu tragen, dass das Wissen und die Erfahrungen dieser wichtigen Kolleginnen und Kollegen nicht sang- und klanglos verloren geht, sondern in wohldosierter Form an jene Generation von Mitarbeitern weitergeben wird, die im Zeitalter des Digitalen aufgewachsen sind und die die Zeit des analogen Informationsmanagements nur noch aus historischen Berichten kennen. Nur dann bleibt ein ganzheitlicher Blick auf das bestehen, was wir heute und morgen leisten können und leisten sollen. Das ist eine große Herausforderung für das Personalmanagement an Bibliotheken, aber auch eine ganz große Chance, die Kontinuität der Erfahrungen zu sichern und damit die Bibliotheken langfristig leistungsfähig zu halten. (Lewis, David W. Orr, Kindra: The Age Demographics of Librarians and the Organizational Challenge Facing Academic Libraries)
Wie man sieht, gehen uns die Herausforderungen nicht aus und wer diese dann noch als Chance begreift und ergreift, wird sich und anderen eine große Freude machen. In diesem Sinne viel Erfolg!

Herzlich Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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