Editorial 4-2017

Scheitern die ambitionierten Open Access Ziele der EU?

Im letzten Jahr hatte der EU Rat beschlossen, dass alle mit öffentlichen (EU) Mitteln finanzierten Forschungsergebnisse bis zum Jahr 2020 öffentlich als Open Access zugänglich sein müssen. Es war von vornherein klar, dass diese ambitionierten Ziele schwerlich zu erreichen sein werden.
Trotzdem haben sich mit diesem vermeintlichen „Rückenwind“ eine ganze Reihe von Ländern in Europa diese Ziele zu eigen gemacht, eigene nationale Open Access Policies verabschiedet und fast immer auch konkrete Jahresziele benannt, bis zu welchem Datum die mit öffentliche Geldern finanzierten Ergebnisse frei zugänglich sein müssten.

Nun hat die EU eine umfangreiche Studie in Auftrag gegeben, die zeigt, dass das EU-Ziel (und mithin wohl auch die Ziele vieler Nationalstaaten in Europa) kaum zu erreichen sein dürften. Diese Studie hat dazu die aktuelle Marktsituation ebenso untersucht wie die Rahmenbedingungen und Motivationen der Forscher für den Übergang zum Open Access Publizieren. Denn viel zu oft wird Open Access nur aus der Perspektive der Bibliotheken gesehen, die ja nur eine Facette in der komplexen Motivations- und Bedingungslage sind. Weltweit werden aktuell 10 Milliarden US Dollar im wissenschaftlichen Informationsmarkt umgesetzt. Davon macht der Open Access Markt gerade einmal 5 Prozent aus.
Wenn man bedenkt, dass es in diesem Markt rund 5000 Verlage gibt, die Hälfte aller Umsätze aber nur von fünf Verlagen gemacht wird, zeigt das das Ausmaß der Konzentration. Zumindest die großen Player haben wenig Interesse, ihr Geschäftsmodell auf Open Access umzustellen. Derzeit verdienen sie mit ihren Abonnement- und Lizenzeinnahmen rund 4000-5000 Euro pro Artikel, im Open Access Modus liegen die durchschnittlichen APCs aber nur bei 1500-2500 Euro je Artikel. Auch die geschätzten rund 20 Prozent Unternehmenssubskriptionen (also ein Fünftel der gesamten Einnahmen!) würden bei einer Umstellung auf das Author-Pays-Modell wegbrechen. Zudem verlangsamt sich das Wachstum im Open Access Markt deutlich.

Insgesamt gibt es für Verlage wie Autoren noch zu wenig praktikable, sinnhafte und nachvollziehbare Anreize für eine Umstellung des Publikationsverhaltens. Nur mit radikaler staatlicher Intervention könnte man das bisherige System zu brechen versuchen. Und das ist in unseren freiheitlichen Demokratien nun einmal kein geeignetes und akzeptiertes Mittel.

Es sieht also ganz danach aus, als ob die ambitionierten Ziele der EU und der Länder Europas auf ein realistisches Maß gestutzt werden müssen, will man nicht in wenigen Jahren mit leeren Händen dastehen und die vollmundigen Versprechungen beerdigen müssen.

Den ganzen Bericht zur Studie lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Library Essentials.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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