Editorial 3-2017

Rezensierst Du noch oder blogst Du schon?

Rezensionen waren einmal eine eigenständige literarische und wissenschaftliche Publikationsgattung. Es gab und gibt noch immer Zeitschriften, die sich ausschließlich der Gattung Rezension widmen, die also ausschließlich aus Rezensionen bestehen, meist zu monographischen Werken, aber auch zu Sammelbänden.
Die Erstellung einer Rezension war (und ist?) eine ernste Angelegenheit, sie wurde nur von Fachleuten der entsprechenden wissenschaftlichen Disziplin geschrieben, die das Buch und seinen Inhalt nicht nur bewerten, sondern auch in den Kontext der vergangenen und aktuellen Forschung stellen konnten. Deshalb war (und ist) es nichts Besonderes, dass Rezensionen eine ganze Menge von Fußnoten enthalten. Auch dieser Quellenbezug weist die Rezension damit als eigenständige wissenschaftliche Publikationsform aus. Historiker etwa und andere Geisteswissenschaftler listen ihre Rezensionsleistungen mit großer Selbstverständlichkeit in ihren Publikationsverzeichnissen auf. Sie sind Teil ihrer wissenschaftlichen Erträge.
Auch hier bringt die digitale (Massen)Verbreitung der Rezensionen plötzlich eine ganz neue Facette ins Spiel. Indem jetzt nicht nur die wenigen Fachleute einer ausgewählten Disziplin Rezensionsjournale und ihre Beiträge wahrnehmen (und damit die Verbreitung auf einen kleinen engen Kreis der Fachcommunity beschränkt bleibt), sondern die elektronische Verbreitung von Rezensionen in Blogs, auf Websites und in den sozialen Medien potenziell jeden erreicht, ist auch die Tragweite eines „Urteils“ (und ein solches wird ja in der Rezension bewusst gefällt) zu Leistung und Person eines rezensierten Werks weithin sichtbar. Bedingt durch die weite Verbreitung fühlen sich immer mehr rezensierte Autorinnen und Autoren öffentlich kritisiert, gedemütigt und im schlimmsten Falle in ihrer und seiner beruflichen Karriere behindert, oder gar be- und geschädigt.
Inzwischen führen gehäufte Klagen gegen Rezensionen und Rezensenten über Anwälte und Gerichte zu einer Diskussion über den Sinn und Unsinn von Rezensionen und über die Bedeutung eines wissenschaftlichen Urteils zu einer Veröffentlichung.
Ganz andere, vor allem wirtschaftliche Bedeutung haben Rezensionen und Buchbesprechungen auf den Plattformen der großen Buchhändler wie etwa bei Amazon. Da geht es ganz offensichtlich weniger um eine abgewogene und wissenschaftlich korrekte Kontextualisierung, sondern mehr um eine schnelle und direkte Meinungsäußerung zu einem gelesenen Buch. Ob sich diese „Massen“-Rezensionen qualitativ unterscheiden von klassischen Rezensionen hat eine Studie jetzt untersucht: Und siehe da, es gibt (zumindest bei belletristischen Werken) kaum Unterschiede in Qualität und Nützlichkeit dieser Rezensionen. Damit zeigt sich, dass auch „Quick and Dirty“ unter digitalen Bedingungen durchaus eine sinnvolle und nützliche Angelegenheit sein kann. Wer Genaueres wissen will, kann dies in der vorliegenden Ausgabe der Library Essentials nachlesen.

Ich wünsche dabei (und bei der Lektüre der vielen anderen spannenden Beiträge) viel Freude.
Herzlich
Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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