Editorial 1-2018

Information Professionals und die Wissenschaft im 21. Jahrhundert

Es ist (nicht) leicht, ein Wissenschaftler zu sein, ganz besonders zu Beginn des 21. Jahrhunderts. 
Da ist zum einem die neue digitale Welt, die vieles in der Wissenschaft und ihrer Kommunikation so einfach, unkompliziert, unmittelbar und direkt vernetzbar macht. Die ganze (Informations-)Welt liegt einem zu Füßen, während gleichzeitig die ganze Welt von den eigenen Forschungen erfahren kann. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn die digitale Welt und ihre Mechanismen sind gleichzeitig unübersichtlicher, ein wenig undurchschaubar, ja bisweilen sogar etwas chaotischer geworden. Vor allem aber – und das ist eine immer öfter zu hörende Klage – geht es heute für die allermeisten Wissenschaftler nicht mehr primär um die Jagd nach der Wahrheit, sondern um die Jagd nach der Drittmittelfinanzierung. Und schon da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn wer Drittmittel erfolgreich akquirieren möchte, muss die Qualität seiner oder ihrer Forschung unter Beweis stellen. Das ist an sich noch nicht verwunderlich, aber als Methode der Wahl gilt heute die Quantifizierung des Forschungsoutputs: Man hat den Nachweis über hohe Zitierraten, einen guten Impaktfaktor seiner Publikationen und einen möglichst hohen H-Index zu führen.
Doch das alleine reicht für erfolgreiche Wissenschaft und Drittmittelakquise schon lange nicht mehr: Auch die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung der eigenen Forschung, besser auch gleich noch die der eignen Person, muss demonstriert werden. Das erfolgt dann mit Hilfe von Altmetrics. Altmetrics ist ein Indikatorensystem, das die Wahrnehmung (awareness) wissenschaftlicher Ergebnisse und ihrer Forscherinnen und Forscher im Internet nachweist, vorzugsweise in den sozialen Medien (aber nicht nur dort). 
Doch damit fängt die Krise erst an. Die positiven Wahrnehmungszahlen in der Öffentlichkeit der sozialen Medien haben nicht immer etwas mit der Wahrheit und Richtigkeit der eigenen Forschung zu tun, denn alles Mögliche kann Aufmerksamkeit erzeugen. Also müssen Wissenschaftler heute nicht nur fehlerfrei und innovativ forschen, sie müssen ihre Forschungsergebnisse und sich selbst auch noch perfekt verkaufen, ja am besten sogar inszenieren. Ob dieses „Gesamtpaket wissenschaftlicher Vermarktung“ dann noch etwas mit der elementarsten Ausgangsfrage von Forschung nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, zu tun hat, steht in Frage.
Aber was hat das alles bitte schön mit Information Professionals zu tun?
Mehr als man denkt. Denn die Archivierung und Vermittlung von wissenschaftlichen Inhalten und Daten gerät mit der zunehmenden Selbstvermarktung und Inszenierung der Wissenschaft ebenfalls in einen ernsten Zwiespalt. Einerseits ist es die Aufgabe etwa von Bibliotheken, den publizierten wissenschaftlichen Output unhinterfragt (sie hätten auch nicht die Kompetenz, das zu hinterfragen) und nur aufgrund formaler Kriterien (z.B. Verlage, Journalbrands) zu beschaffen, aufzubereiten und zu sammeln, andererseits stehen sie als unabhängige und neutrale Instanz gerade für Qualität und Professionalität ihrer Sammlungen.
Je stärker aber Wissenschaft und Forschung auch das Instrumentarium des Marketing zu bedienen wissen, desto aufwendiger, ja beinahe schon unmöglich wird es, Wichtiges von Unwichtigem, Seriöses von Unseriösem, Fake News von Wahrheit zu unterscheiden.
Genau damit aber umzugehen, ist eine der Herausforderungen für unsere Zunft.
Zu vielen dieser prägenden Themen haben wir deshalb in dieser Ausgabe von Library Essentials „Food for Thought“ hineingepackt.
Mag es Ihnen helfen bei der praktischen Bewältigung Ihrer täglichen Herausforderungen, aber auch bei Reflexion und Einordnung der genannten Themen.

Herzlich
Ihr Rafael Ball

Portrait Rafael Ball

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