Banken und Versicherer sollen sich in Informationsunternehmen verwandeln

Ausgabe 03/2013

Ein aktuelles Arbeitspapier des Consultingunternehmens Oliver Wyman wirft einige interessante Thesen zu der zukünftigen Ausgestaltung von Finanzdienstleistungsunternehmen auf. Laut der diesjährigen Ausgabe des "State of the Financial Services Industry" sehen die Analysten von Oliver Wyman die Finanzbranche vor ähnlichen Herausforderungen stehen, wie sie die Medien- oder Musikbranche schon seit Jahren zu spüren bekommen. Für Banken und Versicherungsunternehmen bedeutet dies, dass sie die in ihrem Besitz befindlichen einzigartigen Informationen und Daten in Zukunft besser erschließen, auswerten und nutzen müssen. Kurz gesagt müssen sich die Finanzdienstleister in informationsbestimmte Unternehmen verwandeln. Auf diese Weise könnten sie in Zukunft als mögliche Konkurrenten von Informationsunternehmen aus anderen Bereichen wie Ratingagenturen, Börsen und Datenanbietern auftreten.

Wieso sollten Finanzdienstleister ihr angestammtes Geschäft eigentlich verlassen? Aktuelle Untersuchungen aus dem Bankwesen in den USA lassen den Schluss zu, dass Informationsunternehmen, die im Umfeld der Finanzbranche tätig sind, in wenigen Jahren wesentlich mehr wert sein könnten als die nur auf das reine, traditionelle Bankgeschäft tätigen Finanzdienstleister.

Tatsächlich haben es bisher wenige klassische Finanzunternehmen geschafft zu beweisen, dass ihre Gewinne mit dem Informationswachstum mithalten können. Viele Banken und Versicherer verfügen über einzigartige Informationen, die sie aber nicht verkaufen oder sonst wie umsatzbringend verwenden. Wie man Information zu Geld machen kann, haben z.B. Supermärkte und Discounter in den letzten Jahrzehnten bewiesen, die mittels Auswertung von Kundenkäufen ihre Produkte und Preise optimiert anbieten können. Nicht überraschend haben in den letzten 20 Jahren solche informationsgesteuerten Unternehmen eine wesentlich höhere Marktkapitalisierung erreicht, als es Finanzdienstleitungsunternehmen schafften.

Hier die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Bericht:

  • Finanzdienstleistungen sind ein Informationsgeschäft, aber viele Finanzdienstleistungsunternehmen haben sich entschlossen, nicht von Information angetrieben zu werden.
  • Die Folgen dieser Wahl sind augenscheinlich. So hat sich allein die Marktkapitalisierung von einigen auf außerbilanzielle Informationen spezialisierten Wettbewerber auf fast ein Drittel der gesamten Bankmarktkapitalisierung in den USA erhöht.
  • Für Finanzdienstleister haben "Falschinformationen" gravierende langfristige Auswirkungen. Das Verständnis und die Kontrolle von Informationen ist daher ein kritischer Faktor für diese Unternehmen.
  • Klassische Finanzdienstleister müssen realisieren – obwohl sie nicht mit Google oder Amazon direkt konkurrieren –, dass sie heute in der Informationsindustrie tätig sind. Dieses Verständnis ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit eines Finanzunternehmens.
  • Der Informationswandel, sei er positiv oder negativ, bestimmt in den nächsten Jahren den Erfolg eines Finanzdienstleistungsunternehmens genauso, wie es die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen tun. Ein Verständnis der eigenen Informationsbilanz ist daher entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens.
  • Grundsätzlich ist noch immer ein Großteil der Informationen im Besitz der Banken und Versicherungen. Berücksichtigt man weiterhin, dass eine Vielzahl von Partnern aus dem Technologiebereich zur Verfügung steht, können sich auch traditionelle Finanzdienstleister sehr schnell in Informationsunternehmen verwandeln.
  • Die Informationsrahmenbedingungen ändern sich in der Finanzbranche sehr schnell, inklusive neuen Vermögensquellen und neuen Wettbewerbern aus anderen Branchen. Finanzunternehmen die auf "Geld" setzen, betreiben ein wertbeständiges Geschäft. Finanzdienstleister die auf "Information" setzen, sind in einem Geschäft mit Wachstum. Unternehmen, die sich ausschließlich über ihren Bilanzwert definieren, dürften es daher in den nächsten Jahren schwer haben zu wachsen.

Die vorliegende Studie von Oliver Wyman ist aus verschiedenen Aspekten sehr interessant. Sie verdeutlicht einerseits, welchen Wert auch branchenfremde Unternehmen diesem "Rohstoff" "Information"  inzwischen beimessen, und welcher Wert in der Zukunft noch erwartet wird. Information wird immer mehr zum Gold des 21. Jahrhunderts. Ein knapp 30 Jahre altes Zitat von Walter Wriston, 1984 CEO der Citibank, verdeutlich das sehr schön: "Information über Geld ist inzwischen fast selbst so wichtig, wie das Geld an sich". So gut, wie sich diese Nachricht im ersten Moment für angestammte Informationsanbieter wie Kreditinformationsanbieter, Datenbankhosts oder auch Bibliotheken anhört, so schlecht ist dies bei genauer Betrachtung. Es ist zu befürchten, dass sich eine 2. Welle von branchenfremden Unternehmen auf den Weg macht, die klassischen Informationsanbieter zu konkurrenzieren. Zuerst waren es Suchmaschinen wie Google oder Online-Shops wie Amazon, und nun folgen möglicherweise Unternehmen aus dem Finanzwesen, Chemie, Biotechnologie  etc., die zukünftig sich daran machen, ihre eigenen Datenschätze zu heben und zu vermarkten.

Quelle:

Oliver Wyman (Hrsg.): "A money and information business. The state of the financial services industry 2013"; 2013, online abrufbar unter http://www.oliverwyman.com/media/Oliver_Wyman_Report._The_State_of_the_Financial_Services_Industry_2013.fv.pdf

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