20 Jahre Google und ihre Folgen

Ausgabe 7-2018

Google feiert aktuell sein 20-jähriges Bestehen. Offiziell gilt der 7. September 1998 als Gründungstag. Die Geschichte von Google stellt nicht nur einen fast einmaligen Erfolg in der Historie börsennotierter Unternehmen dar. Sie zeigt außerdem, dass man manchmal einfach zur richtigen Zeit mit der richtigen Idee am richtigen Ort sein muss. Schließlich stellt Glück zumindest zu Beginn einen nicht unerheblichen Faktor in dieser Erfolgsgeschichte dar. So mussten die Gründer Larry Page und Sergey Brin zu Beginn einige Rückschläge hinnehmen, bis sie endlich Investoren gefunden haben, die an ihre Geschäftsidee glaubten. Man stelle sich vor, die damals führenden Suchdienste Yahoo, Excite oder Altavista hätten tatsächlich Google in einem frühen Stadium für die veranschlagte „schlappe" eine Million US-Dollar aufgekauft. Ob die Google-Suche dann wirklich zu so einer Erfolgsgeschichte geworden wäre, wie wir sie heute kennen? Unabhängig davon und ohne Frage hat aber Google die (Online-)Informationssuche revolutioniert. Die Gründung dieses Suchdienstes stellt nicht nur einen neuen Standard für Suchmaschinen dar. Sie ist gleichzeitig auch eine Zensur und ein tiefgreifender Einschnitt für das Selbstverständnis und das Geschäftsmodell von Bibliothekaren, Informationsspezialisten, Information Professionals und anderen Informationsexperten. Die Folgen speziell der Google-Suche sind kaum mit einem anderen Ereignis in der bisherigen Geschichte der Digitalisierung vergleichbar. Google steht im Prinzip stellvertretend für das Ende des Informationsmonopols dieser Informationsexperten. Zeit also, einen Blick zurück zu werfen und einen Ausblick zu wagen.

Der Grundgedanke der beiden Initiatoren und damaligen Harvard-Studenten ist eigentlich ein simpler, und in der Bibliothekswelt weitherum bekannt. Als Kinder von Akademikern nahmen sie sich ein Beispiel an der Bewertung wissenschaftlicher Fachartikel, d. h. der Bibliometrie. Diese besagt bekanntlich, dass ein Artikel umso einflussreicher ist, je häufiger er zitiert wird. Das ist das grundlegende Prinzip der Zitationsanalyse. Diese Grundidee wurde dann einfach auf das Web übertragen, d. h. je häufiger ein Link auf anderen Websites auftaucht, desto relevanter muss dieser Link bzw. dessen Inhalt sein. Ein weiteres wichtiges Element für die Google-Revolution war der Startbildschirm. Er stellte etwas völlig Neuartiges dar, nämlich die äußerst spartanische Darstellung mit einem einzigen Eingabefeld. Dazu zeichnete sich die Google Suche – neben der viel besseren Treffergenauigkeit gegenüber den damaligen Konkurrenten – durch ihre enorme Schnelligkeit bei der Anzeige der Trefferlisten aus. Musste man in den 1990er-Jahren bei Yahoo aufgrund der mickrigen Internetgeschwindigkeiten gefühlt endlos warten, poppten die Suchergebnisse bei Google praktisch unmittelbar auf. Mit Yahoo verdiente Google übrigens das erste richtige Geld. Ab Juni 2000 war Google die offizielle Suchmaschine des vom Webkatalog zur Informationsplattform mutierten Internetpioniers. Die Zusammenarbeit hielt vier Jahre. Allerdings waren die erzielten Lizenzeinnahmen zu gering, um das dynamische Wachstum bei Personal und Serverkapazitäten der Suchmaschine finanzieren zu können. Aus diesem Grund war Google dringend auf neue Einnahmenquellen angewiesen. Und hier gelang Google tatsächlich der große Wurf, der im Prinzip die heutige Vormachtstellung von Google erst manifestierte. Der zweite revolutionäre Schritt von Google war nämlich die Vermarktung. Bis dahin trat Werbung eher sporadisch und in sehr statischer Form in der Web-Welt auf. Selbst Google fragte sich, wie sie aus dem Erfolg ihrer Suchmaschine Geld generiert werden könnte. Google bot bereits Ende 2000 die Möglichkeiten für Kunden Werbeanzeigen zu schalten mittels ihres Programms AdWords (Anmerkung: wurde kürzlich in Google Ads umgetauft) an. Allerdings wurde AdWords erst richtig erfolgreich, als es im Februar 2002 in einer neuen Version gestartet wurde. Google begann damals Werbeanzeigen zu schalten basierend auf den angezeigten Suchtreffern. Diese Werbung wurde und wird auch heute von vielen Nutzern oftmals nicht als Werbung erkannt, da sie relativ unauffällig in die Suchtrefferseiten integriert wird. Mittels eines komplexen Systems können die Werbekunden Begriffe („Keywords") ersteigern. Enthält die Suchanfrage eines Users diese Begriffe, wird die entsprechende Werbung angezeigt. Bezahlen müssen die Werbetreibenden aber nur, wenn ein User auf die kleinen Textanzeigen klickt („Per-Klick-Bezahlung"). Später kam noch ein weiteres wichtiges Werbeprogramm namens AdSense hinzu. Die Suchmaschinenwerbung ist und bleibt dabei weiter die Haupteinnahmequelle von Google; sie hat den unglaublichen Aufstieg des Tech-Giganten erst ermöglicht.

Müssen sich aber Informationsspezialisten noch heute an Google abarbeiten? Wahrscheinlich nicht, denn Google hat in nur zwei Jahrzehnten die Art, wie wir Informationen suchen, grundlegend verändert. Googeln ist heute zu einem Synonym für die Suche geworden. Eine Informationssuche beginnt heute bei Google, und schon längst nicht mehr in einer Bibliothek. Das muss man als Information Professional heute neidlos anerkennen und so akzeptieren. Die Situation würde sich selbst dann nicht mehr ändern, wenn es irgendwann einmal einem anderen Unternehmen gelingen sollte, Google als die Suchmaschine Nr. 1 abzulösen. Somit ist es entscheidender, die vorhandenen Schwächen von Google (und anderen Suchmaschinen) zu identifizieren und aufzugreifen, um darauf die eigenen Dienste basieren zu lassen.

Eine der großen Schwächen von Google sind sicher die schwachen historischen Suchmöglichkeiten. Wer ältere Informationen sucht, stößt bei Google schnell an seine Grenzen. Einen Zeitungsartikel nur aus den 1990er-Jahren zu finden, ist abgesehen von Einzelfällen praktisch nicht möglich. Wer wirklich historische, originäre Informationen zu einem Thema z. B. vor 1990 benötigt, kommt selbst heute nicht um einen Besuch in der Bibliothek seiner Wahl herum. Trotz der Bestrebungen – auch von Google – möglichst viele historische Materialien zu digitalisieren, ist die Menschheit noch weit davon entfernt, dieses Ziel in absehbarer Zeit zu erreichen.

Ähnlich liegt der Fall bei den vielen Datenbanken, die es im Netz gibt. Google ist bis zum heutigen Tag mehrheitlich nicht in der Lage diese Informationen anzuzapfen. Und das vielleicht größte Manko von Google ist, dass es nicht individuell auf einen User und seine Informationsbedürfnisse eingehen kann. Google bietet keine persönliche Beratungsmöglichkeiten, sondern lässt den User bei seiner Suche überwiegend allein, abgesehen von den vorgeschlagenen Suchanfragen anderer User und den nervigen „Meintest du…". Informationsspezialisten können hier Usern immer noch einen entscheidenden Mehrwert bieten, den Google nicht bieten kann. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass die Nutzer in den meisten Fällen bei ihren einfachen Informationsbedürfnissen auch keine Hilfe mehr benötigen. Für simple Anfragen ist Google einfach zu gut. Hier könnte nur eine zunehmende Überschwemmung mit Fake News zu einem Problem für Google werden. Informationsspezialisten sollten sich aus diesem Grund noch stärker auf komplexere Recherchen – inklusive Analysen – konzentrieren.

Google bzw. genauer Alphabet, der Mutterkonzern, versucht sich schon seit Jahren von der Bedeutung der Suchmaschine und dem dortigen Werbeanzeigengeschäft zu „emanzipieren". Manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg, wie z. B. der Google-Brille. Zwei Dienste von Google, Google Books und Google Scholar, zielten direkt auf entsprechende bibliothekarische Angebote. Das Urheberrecht hat bisher allerdings verhindert, dass Google alle Bücher dieser Welt kostenfrei in digitaler Version ins Netz stellen kann. Der Gang in die Bibliothek ist daher für Studenten auch weiterhin kaum zu vermeiden. Und auch Google Scholar kann bisher eine detaillierte und ausgefeilte Recherche nach wissenschaftlichen Artikeln nicht vollumfänglich ersetzen. Insgesamt ist der Einfluss überschaubar, der von diesen zwei Google-Diensten auf Bibliotheken ausgeht. Aktuell versucht Google wieder auf bibliothekarischem Feld zu „wildern", nämlich in Form einer Suchmaschine für wissenschaftliche Datensätze namens Dataset Search (https://toolbox.google.com/datasetsearch). Da sich die Suche noch im Beta-Stadium befindet, ist es schwer abzuschätzen, ob sich dieses Tool durchsetzen wird. Allerdings zeigt dieses Beispiel gut, wie Bibliotheken Chancen verpassen. Institutionelle Repositorien gehören bekanntlich zu den wichtigsten zukunftsträchtigen Themen für Bibliotheken. Eine umfassende Suche, wie sie Google mit Dataset Search anzubieten versucht, hätten Bibliotheken schon vor Jahren selbst starten können. So überlässt man aber das Feld wohl wieder mehr oder weniger kampflos der „branchenfremden" Konkurrenz.

Zu den sicherlich größten Erfolgen abseits der Google-Suche, gehört ohne Frage Google Maps mit dazugehörigen Diensten wie Streetview. An Google Maps lässt sich übrigens eine von Google/Alphabet sowie vielen anderen Internetunternehmen häufig praktizierte Strategie gut beobachten. Jahrelang wird ein Informationsangebot kostenfrei angeboten und populär gemacht. Google Maps ist deswegen inzwischen so etwas wie der unumstrittene Standard für Online-Karten geworden, da diese Kartensuche auch in die allgemeine Google-Suche integriert wurde. In vielen Software-Programmen ist Google Maps implementiert worden, also praktisch nicht mehr wegzudenken. Durch diese Abhängigkeit ergibt sich nun ein großes Problem. Google hat sich nämlich entschlossen, Google Maps stärker zu monetarisieren. So hat Google seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen geändert und neu als Voraussetzung für die Nutzung von Google Maps die Eingabe einer Kreditkarte vorgeschrieben. Das ist der Grund, weswegen man aktuell auf vielen Websites die Warnmeldung „Google Maps kann auf dieser Seite nicht richtig geladen werden" sieht. Nach dem anschließenden Drücken des Okay-Buttons erscheint die Ansicht der Karte nur mehr in verdunkelter Form mit einer weiteren Hinweismeldung „For Development Purposes Only". War bis vor Kurzem für kleine und mittelgroße Websitebetreiber die Nutzung dieses Dienstes kostenfrei, ändert sich das nun für Seiten mit häufigen Aufrufen. Abhängig ist dies von dem eingesetzten Kartentyp und der darauf berechneten Anzahl von Aufrufen. Aus diesem Grund gibt es aktuell eine „Wanderbewegung" von Google Maps hin zu alternativen Anbietern wie OpenStreetMap. Allerdings haben diese Alternativen gewisse technische Einschränkungen, die es teilweise unmöglich machen, sie als Ersatzlösung einzusetzen. Ganz abgesehen davon, dass die Nutzung eines anderen Kartenanbieters meist nicht auf Knopfdruck möglich ist, sondern aufwändige Programmierungen erfordert. Kurz gesagt hat Google/Alphabet erst einmal Google Maps so lange kostenfrei und technisch gefördert und entwickelt, bis sich inzwischen eine fast nicht zu umgehende Abhängigkeit ergeben hat. Diese Abhängigkeit wird nun relativ rücksichtslos ausgenutzt, um aus Google Maps nun eine „Cash Cow" zu machen. So viel zu dem einstigen Motto von Google „Don't be evil".

Google in nur einem kurzen Beitrag angemessen zu würdigen, ist schlicht nicht möglich. Dazu ist der Konzern mit seiner schier unüberschaubaren Anzahl an Diensten und Aktivitäten inzwischen zu groß geworden. Diese Größe inklusive der ausgesprochenen Datensammelwut ist dafür verantwortlich, dass Google sein einst so freundliches und Image längst verloren hat. Dem damals als sympathische Microsoft-Alternative gefeierten Tech-Unternehmen schlägt heute mindestens genauso viel Misstrauen und Verachtung entgegen, wie es um die Jahrtausendwende auf Microsoft einprasselte. Kurz gesagt steht Google stellvertretend für all die guten Dinge der Digitalisierung, genauso wie für die vielen schlechten Dinge. In diesem Sinn "Happy Birthday, Google"!

Schlagwörter:

Google, Firmenjubiläum, Geschichte, Informationsbranche, Internet, Websuche

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